Unter Nachbarn

Veröffentlicht am 07.11.2017

Marianne Cohn, Kinderfürsorgerin, Tempelhof, im Alter von 21 Jahren am 8. Juli 1944 in Frankreich von der Gestapo ermordet.

Seit 1929 lebte die 1922 geborene Marianne Cohn mit ihren Eltern Alfred und Grete sowie ihrer jüngeren Schwester Lisa in Tempelhof. Ihr Vater hatte gemeinsam mit Walter Benjamin das Gymnasium besucht, woraus eine lebenslange Freundschaft entstanden war. Schon bald nach der Machtübernahme der Nazis emigrierte die Familie über Paris nach Barcelona.  In Marianne Cohns Abgangszeugnis vom 28. März 1933 hieß es dazu, sie verlasse die Schule „wegen Verlegung des elterlichen Wohnsitzes nach dem Auslande“. Als im Juli 1936 der Spanische Bürgerkrieg begann, veränderte sich das Leben für die Familie erneut. Die Mädchen kamen zu Verwandten nach Paris, später gingen sie in der Schweiz zur Schule. Dort wurde 1938 die Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert. Deswegen kehrten sie nach Paris zurück, wohin inzwischen auch die Eltern geflüchtet waren.

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Frankreich im Mai/Juni 1940 wurde Marianne Cohns Vater mehrfach inhaftiert. Ab April 1942  lebte die Familie in Frankreich  unter falschem Namen. Marianne Cohn arbeitete seit März 1943 als Kinderfürsorgerin bei einer  zionistischen Jugendorganisation, und sie betätigte sich bei einer jüdischen Widerstandsbewegung, die versuchte, jüdische Kinder in Sammeltransporten über die Grenze in die Schweiz zu bringen. Bei einer dieser Aktionen wurde Marianne Cohn verraten und festgenommen. Am 8. Juli 1944 wurde sie in Ville-la-Grande (Haute Savoie) von der Gestapo ermordet und am Ortsausgang vergraben. Ihre Eltern und ihre Schwester Lisa überlebten. Quelle und Foto: stolpersteine-berlin.de

Ein Stolperstein erinnert vor ihrem Berliner Wohnhaus am Wulfila-Ufer 52 an Marianne Cohn. Wie wichtig dieses Gedenken ist, wird einem nicht nur in diesen Tagen rund um den Jahrestag der Pogromnacht bewusst. Erst in den vergangenen Tagen wurden im Nachbarbezirk Neukölln mehrere Stolpersteine gestohlen. Und auch in Friedenau, wo viele Stolpersteine an die ehemals dort lebenden jüdischen Bewohner erinnern, werden immer wieder Steine beschmiert oder beschädigt. Sigrid Kneist

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