Nachbarschaft

Veröffentlicht am 16.01.2018 von Tilmann Warnecke

Der Autor Johannes Kram wohnt seit elf Jahren im Nollendorfkiez – und betreibt den Grimme-Online-Preis-nominierten „Nollendorfblog“, auf dem er sich immer wieder mit Homophobie und aktuellen LGBT-Themen auseinandersetzt.

Bloggen gegen Homofeindlichkeit – ist das nach der Einführung der Ehe für alle überhaupt noch nötig? Klar. Die Diskussion um die Ehe für alle war ja eher lähmend. Seit zehn Jahren war da alles zu gesagt, es war mehr als überfällig. Jetzt kann man auf die drängenden Probleme hinweisen, die es immer noch im Alltag gibt. Etwa, dass die Mehrheit der Lesben und Schwulen Diskriminierung am Arbeitsplatz erleben: Nur ein Drittel outen sich am Arbeitsplatz. So liberal, wie sich die Gesellschaft fühlt, ist sie nicht.

Es wird viel über die steigende Kriminalität im Nollendorfkiez geklagt. Wie nehmen Sie die Lage wahr? Wir dürfen Gewalt gegen Homosexuelle nicht verharmlosen. Aber wir sollten auch nicht so tun, als sei der Nollendorfkiez das Land der fliegenden Messer. Hier wird viel miteinander vermischt. Homophobe Straftaten sind das eine, aber was rund um die Fuggerstraße berichtet wird, hat wohl mit einer erhöhten Stricherkriminalität und nicht so sehr mit Homophobie zu tun. Schwule werden offensichtlich auch bewusst als Opfer ausgesucht, weil sie als leichte Beute gelten und möglicherweise keine Anzeige erstatten. Für mich kann ich sagen: Ich fühle mich hier sehr wohl, übrigens auch dank der Begegnungszone.

Die wird doch in der Öffentlichkeit immer sehr kritisch diskutiert. Ich finde das Konzept spannend – und es ist auch entspannend, so etwas mitten im Kiez zu haben. Es ist einfach, über die Begegnungszone zu lästern, weil sie ästhetisch wirklich nicht sehr chic geworden ist. Aber im Großen und Ganzen funktioniert sie. Ich beobachte das zu allem Tag- und Nachtzeiten, schreibe ja oft vom Berio aus und sitze gerne im Reza. Statt da ideologische Kriege drüber zu führen, sollte man schauen, was gut angenommen wird und was nicht. Natürlich hassen es die Autofahrer, sich durch dieses Nadelöhr zu zwängen – aber das ist auch ein schöner Lerneffekt für alle Beteiligten. Jetzt, wo sich alle mal richtig ausgekotzt haben, können wir vielleicht endlich darüber reden, wie es weitergehen soll.

Wie hat sich der Kiez verändert, seitdem Sie hierher gezogen sind? Ich trauere dem More hinterher. Toll ist allerdings, dass das Berio 24 Stunden geöffnet ist. Ein echter Gewinn –  auch wenn man es nicht nutzt, aber man weiß, dass man da immer noch landen kann.

Was müsste Ihrer Meinung nach künftig besser werden? Wieder ICEs vom Bahnhof Zoo! Schade ist, dass der Nollendorfplatz selbst so ein Monster ist.  Man könnte da auch im Kleinen einiges ohne viel Geld attraktiver machen. Es gibt zum Beispiel diesen schönen Brunnen direkt unter den Hochbahngleisen. Der schreit danach, wieder eine zentrale Rolle spielen zu dürfen: Vielleicht als Straßenmusiker-Bühne, oder was mit Video, Kunst? Das könnte ein echtes Highlight sein.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de