Nachbarschaft

Veröffentlicht am 27.03.2018 von Sigrid Kneist

Alexander Höner, Forschungsstelle Theologie der Stadt im Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg, macht sich aus Anlass des Osterfestes Gedanken über Glauben und Stadt

S-Bahn, letzter Wagen, Station Tempelhof: Eine weißhaarige Frau sitzt gebückt über einen Trockenblumenstrauß, ihre Augen sind geschlossen. Ein Obdachloser schläft isoliert auf einer Vierer-Sitzgruppe. Eine junge Frau ist vertieft in einen Roman. Viele gucken mit leerem oder gehetztem Blick auf ihr Handy.

Welche Hoffnungen haben diese Menschen, woran glauben sie? Antwortet jemand aus Tempelhof-Schöneberg auf diese Fragen anders als jemand aus Lichtenberg? Ja, schon alleine wegen der unterschiedlichen Vergangenheiten in Ost und West, aber die Antworten sind nicht einheitlich, es gibt kein eindeutiges System – eher Tendenzen. Das wird klar, wenn man allein die Spannbreite der Sozialräume von Tempelhof-Schöneberg berücksichtigt: Von den Kleingarten-Kolonien im Süden bis fast zum Potsdamer Platz im Norden des Bezirks. Jede Stadt hat ihre eigene Seele und wenn man genau hinschaut auch jedes Quartier. Vielschichtig, abgründig, wunderschön. Als Leiter der Forschungsstelle Theologie der Stadt des Kirchenkreises Tempelhof-Schöneberg beobachte ich, wie das urbane Leben unsere Glaubenslandschaften bestimmt.

Städte werden in der Bibel eher als Orte der Gottesferne charakterisiert. Die Propheten machen ihre Gotteserfahrungen meistens in Wüsten, in kargen Landschaften. Auch Jesus zieht sich auf einsame Berge zurück, um zu beten. Ein Besuch in der Stadt Jerusalem führt zu seiner Verurteilung und zu seinem Tod. Gotteserfahrungen sind störanfällig für äußere Einflüsse und davon gibt es in der Stadt reichlich. Mit einem Bild des Berliner Theologen Friedrich Schleiermacher gesprochen: Der Geschmack für das Unendliche wird in der Stadt von vielen Geschmacksangeboten überlagert. Aber eben nicht nur überlagert, sondern auch oft genug überhaupt erst angeregt.

Der Geschmack für das Unendliche ist in den Kirchen unseres Stadtteils zu schmecken – besonders jetzt zu Ostern, in einer Kiezinitiative für Einsame und bei einem Spaziergang auf dem Tempelhofer Feld.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-s.kneist@tagesspiegel.de

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