Nachbarschaft
Veröffentlicht am 05.03.2019 von Sigrid Kneist
Buchladen Bayerischer Platz, 100 Jahre, Schöneberg. Eine kleine Chronik der Buchhändlerin Christiane Fritsch-Weith
Der Buchladen Bayerischer Platz wurde am 11. März 1919 von Benedict Lachmann gegründet. Er hat die vornehme Adresse: Bayerischer Platz 13/14. Das Publikum betritt den Laden von der Speyerer Straße. Dass Lachmann seinem Buchladen, der eine moderne Buchhandlung mit Leihbücherei ist, den Namen des Platzes gibt, lässt erkennen, dass der Ruf des Bayerischen Viertels verheißungsvoll ist. Vornehme Geschäfte versammeln sich rund um den Platz, man schlürft Austern zum Champagner und kauft tolle Mode. Dazu passt ein guter Buchladen.
Der Erste Weltkrieg ist kaum vorüber, die Wunden sind tief, aber die Lust, das Leben zu verändern, ist riesig: Das Bauhaus feiert gemeinsam mit dem Buchladen in diesem Jahr den 100. Geburtstag. Benedict Lachmann, Mitglied der Novembergruppe und derjenige, der zu den Treffen einlädt, verbindet sich stark mit den Bauhäuslern. Er verkauft zum Beispiel die Eintrittskarten für die berühmten Kostümbälle der Bauhäusler und Dadaisten. Alle gemeinsam wollen das Alte hinter sich lassen und eine freie und demokratische Gesellschaft formen. Lachmann gibt die Zeitschrift „Der Individualistische Anarchist“ heraus und findet in Albert Einstein, der gleich um die Ecke in der Haberlandstraße wohnt, einen politischen Freund, denn auch Einstein ist Anhänger von Max Stirner, dem Begründer des ‚Individualistischen Anarchismus‘.
Von Beginn an lernt Paul Behr in der Buchhandlung das Metier des Buchhändlers. Er ist fleißig und vertritt den Chef, wenn dieser im Romanischen Café ist. Schließlich braucht er Kontakte als Buchhändler. Als ‚Bauhäusler‘ und als Schriftteller. Benedict Lachmann ist auch Schriftsteller und wird häufig in den Adressbüchern so benannt.
Das Jahr 1933: Die Nationalsozialisten übernehmen die Macht und entziehen dem Buchhändler Lachmann den rechtlichen Schutz. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sagt dem nationalsozialistischen System ohne Zwang seine Unterstützung zu und ist somit gemeinsam mit dem Boxerverband und dem Schachverband bei den Ersten! Bereits im Mai ’33 lädt der Börsenverein Joseph Göbbels ein und lässt ihn einen nationalsozialistischen Blick in die Zukunft des Buchhandels werfen.
1937 verkauft Benedict Lachmann vor der Zwangsarisierung durch die Nazis seinen Buchladen an Paul Behr, der 1939 mit Kriegsbeginn eingezogen wird und einen Geschäftsführer einstellen muss. Ernst Wiederhold wird von der Reichsschriftumskammer akzeptiert. Bekannt ist der neue Geschäftsführer als Maler mit dem Namen Sascha Wiederhold und ist genau wie Lachmann ein Freund von Hannah Höch. Paul Behr, der Buchladen Bayerischer Platz und Sascha alias Ernst Wiederhold stehen gemeinsam im Adressbuch von Hannah Höch.
1941 wird Lachmann am 18. Oktober von Grunewald aus nach Lodz deportiert und kommt dort am 4. Dezember ums Leben.
Bei dem Bombenangriff am 22./23. November 1943 wird der Buchladen über Nacht völlig zerstört und von Martha Behr, der Ehefrau, und Paul von Zuhause aus weitergeführt. Im Jahr 1945 gerät Paul Behr in Berlin in russische Kriegsgefangenschaft. Er kommt erst fünf Jahren nach Kriegsende an den Bayerischen Platz zurück und arbeitet in der Grunewaldstraße 59 in seinem Buchladen, den Martha wieder aufgebaut hat.
1975 kauft die Buchhändlerin Christiane Fritsch-Weith im Alter von 25 Jahren die Buchhandlung. Sie zieht innerhalb des Hauses 1990 um, rettet legendär im Jahr 1995 die Buchhandlung vor riesigen Mietforderungen und wird 2015 und 2016 mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet.
Am 11. März 2019 wird der Buchladen, der drei Inhaber und drei Standorte hatte, also 100 Jahre alt. Die Jubiläums-Party wird nach den Sommerferien am 24.August gefeiert. buchladen-bayerischer-platz.de
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