Nachbarschaft

Veröffentlicht am 02.07.2019 von Sigrid Kneist

Angelika Schöttler, 56, Bezirksbürgermeisterin und Sozialdemokratin

Als die heutige Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler, vor 30 Jahren Mitglied der SPD-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung von Schöneberg wurde, machte ihr eine altgediente Sozialdemokratin eins von vornherein klar: Im Rathaus heißt der Vater auf keinen Fall „Papa“. Sondern “Alfred”, wenn die Fraktion tagt und die SPD-Genossen untereinander reden. “Herr Gleitze” und “Sie”, wenn in der BVV oder in den Ausschüssen gesprochen wird. Der Vater Schöttlers, die mit Mädchenname Gleitze heißt, prägte über Jahrzehnte die sozialdemokratische Politik im Bezirk.

Die Familie ist seit den frühen Jahren der traditionsreichen SPD eng verbunden; deren erster Vorläufer, der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, wurde 1863 gegründet. “Mindestens seit fünf Generationen”, sagt Schöttler. Sicher weiß sie, dass bereits der Großvater ihres Großvaters Sozialdemokrat war. Der Großvater selber, Bruno Gleitze, trat als 16-Jähriger genau vor hundert Jahren in Berlin in die SPD ein. Mitte der sechziger Jahre war der Wirtschaftswissenschafler, der aus einem Handwerkerhaushalt stammte, für kurze Zeit Wirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen. Sein Sohn Alfred wurde 1954 SPD-Mitglied und machte ab 1963 in verschiedenen Funktionen aktiv Bezirkspolitik in Schöneberg. Als einfacher Bezirksverordneter, Bezirksverordnetenvorsteher, als Stadtrat sowie als Bezirksbürgermeister (1971-1975) war er bis 2001 eine wichtige Größe im Rathaus Schöneberg. 

Seit 2011 ist seine Tochter Bürgermeisterin des 2001 mit Tempelhof zusammengelegten Bezirks. Angelika Schöttlers Dienstsitz ist ebenso das Rathaus Schöneberg. Allerdings musste Vater Gleitze in den Siebzigern mit einem kleineren Amtszimmer als seine Tochter vorlieb nehmen. Während der Teilung der Stadt fungierte das Rathaus Schöneberg als Berliner Regierungs- und Parlamentssitz. Im großen repräsentativen Dienstzimmer residierten die Regierenden Bürgermeister. Die jeweiligen Bezirkschefs waren im hinteren Teil des Rathauses untergebracht. Es half auch nichts, dass sie die offiziellen Hausherren waren, was sie gerne betonten. 

Schöttler nahm Politik und Sozialdemokratie schon als Kind und Jugendliche wahr. Auf SPD-Kinderfesten. Bei den Geburtstagen des Vaters, wenn Politiker des Bezirks und auch darüber hinaus zum Gratulieren und Feiern in der große Wohnung in der Badenschen Straße kamen. Beim Verteilen von Flugblättern in den Briefkästen. „Da hatten wir den Vater mal für uns alleine“, sagt Schöttler. Mit 19 Jahren trat Schöttler in die SPD ein, kandidierte 1989 das erste Mal für die BVV, kam auf einen der ersten Nachrückerplätze und saß in jener Legislaturperiode bereits in der zweiten BVV-Sitzung auf den Bänken der Sozialdemokraten. Die frisch gewählten SPD-Stadträte hatten ihr Mandat niedergelegt.

Dass der Vater so in der Schöneberger SPD verwurzelt war, hatte für seine Tochter Vor- und Nachteile. Einerseits kannte sie sich aus, andererseits hatten manche in Fraktion oder Partei noch die eine oder andere Rechnung mit ihrem Vater offen. „Er war ein auf Ausgleich bedachter Mensch, machte seine Positionen aber stets klar“, sagte Schöttler. Sie musste sich freischwimmen, eigene Standpunkte vertreten, auch mal gegen ihren Vater. Bis 2001 saßen sie gemeinsam in der Bezirksverordnetenversammlung.

Wie politische Machtkämpfe ausgetragen werden, erfuhr Schöttler dann nach den Wahlen im Oktober 2001. Inzwischen hatte die Bezirksfusion stattgefunden. SPD und Grüne bildeten eine Zählgemeinschaft im Bezirk. Schöttler war die Kandidatin für das Amt der Jugendstadträtin. Sie schaffte es erst im fünften Wahlgang; zwei Verordnete von rot-grün stimmten in den ersten vier Wahlgängen gegen sie. Sie hielt durch. „Das waren die längsten vier Wochen meines Lebens“, sagt sie. Wo genau die Quertreiber saßen, weiß man nicht. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie aus den eigenen Reihen kamen. Die Wiederwahl fünf Jahre später funktionierte reibungslos. Auch als sie 2011 und 2016 zur Bürgermeisterin gewählt wurde, gab es es keine Probleme mehr.

Sigrid Kneist/Foto: Kitty Kleist-Heinrich
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