Nachbarschaft

Veröffentlicht am 23.07.2019 von Sigrid Kneist

Catherina Pieroth, Mitglied des Abgeordnetenhaus, Grüne, Schöneberg

Schon als Dreijährige erlebt Catherina Pieroth ihren ersten Wahlkampf. Sie begleitet ihren Vater Elmar dabei, als er 1969 in seinem Wahlkreis in Bad Kreuznach von Haustür zu Haustür zieht und die Wähler aufsucht. Eine Art des Wahlkampfs, die seinerzeit Aufsehen erregt; denn in Deutschland ist diese Art der politischen Werbung – Canvassing im Amerikanischen genannt – noch unbekannt. „Wir helfen Papa, hieß es damals zu Hause“, sagt Catherina Pieroth. Für sie als zweitjüngste von insgesamt sechs Geschwistern ist es in diesen Jahren eine Selbstverständlichkeit. “Den älteren Geschwistern ist es schon schwerer gefallen”, sagt sie.

Gut 47 Jahre später wird sie es ihrem Vater gleich tun, als sie in Schöneberg-Süd für das Abgeordnetenhaus kandidiert und an tausenden Wohnungstüren klingelt. Sie kann den Wahlkreis auf Anhieb gewinnen. Catherina Pieroth ist Grüne. Ihr im vergangenen August verstorbener Vater gehörte der CDU an. Nur nebenbei: Seinen Wahlkreis in Bad Kreuznach hat jetzt übrigens Julia Klöckner inne, die Bundeslandwirtschaftsministerin.

Im Hause Pieroth wird viel über Politik diskutiert. “Im Nachhinein muss man sagen, dass mein Vater immer gut Bescheid wusste”, sagt Tochter Catherina. Überzeugen von der Politik der Union kann er aber anscheinend die insgesamt sechs Geschwister nicht. Keins seiner Kinder steht heutzutage der CDU nahe. Vater Pieroth ist allerdings keiner, der streng nach Parteilinie diskutiert. Wichtig sei ihm gewesen, dass man die Dinge ernst nimmt und sich engagiert, sagt seine Tochter. Auch er selber behält sich bei aller Loyalität zu seiner Partei immer eine gewisse Unabhängigkeit vor, teilweise bedingt aus seinen jahrelangen Erfahrungen bei der Führung eines Weinguts. Dieses wird später in den Achtzigern wegen des Glykolskandals in die Schlagzeilen geraten. 

Elmar Pieroth verlässt 1981 Rheinland-Pfalz, um in Berlin unter dem Regierenden Bürgermeister Richard von Weizsäcker Wirtschaftssenator zu werden, der genau dieses freie Denken Pieroths schätzt und sich eine frische neue Wirtschaftspolitik für West-Berlin wünscht. Die Familie geht mit nach West-Berlin. Die damals 14-jährige Catherina wird früh politisch sozialisiert – und orientiert sich in andere Richtung. Mit der CDU ihres Vaters hat sie nichts zu tun. 

Anfang der achtziger Jahre ist in Berlin die Hochzeit der Hausbesetzungen; oft ist Catherina Pieroth als Jugendliche in einem der Häuser zu finden. Es zieht sie immer wieder nach Kreuzberg, das gibt schon mal Stress mit den Eltern. Als diese beispielsweise erst im Nachhinein erfahren, dass sie bei einem Fehlfarben-Konzert im SO36 in der Oranienstraße und anschließend noch in der legendären Roten Harfe am Heinrichplatz war, sind die Eltern nicht erfreut. Die Tochter engagiert sich gegen Rodungen im Tegeler Forst, der in Teilen dem Autobahnbau weichen musste. An einem Tag will sie dort um sechs Uhr morgens zur Demo. Sie verschläft. Der Spott des Vaters ist ihr sicher.

Nach der Wende nominiert die Ost-Berliner CDU Elmar Pieroth bei den ersten freien Kommunalwahlen für den Magistrat als Wirtschaftsstadtrat. Diese Übergangszeit währt nur kurz. Nach den ersten gemeinsamen Abgeordnetenhauswahlen wird er zunächst für eine Legislaturperiode Finanzsenator – eine Amt, das ihm nicht liegt – und danach für zwei weitere Jahre Wirtschaftssenator, bis er zurücktritt. In dieser Zeit hat er immer wieder den Dialog mit politischen Kontrahenten gesucht. Bis heute bekannt sind die gemeinsamen Wohnzimmergespräche in Marzahn mit der damaligen PDS-, heute Linken-Politikerin Petra Pau. Nicht jeder in der CDU fand das damals gut; die politischen Gräben waren um ein Vielfaches größer als heutzutage.

Tochter Catherina steigt erst Jahre später in die aktive Grünenpolitik ein. Zunächst absolviert sie ein Studium der Philosophie und Erziehungswissenschaft, leitet etliche Jahre eine große Kommunikationsagentur. Bei ihrem Quereinstieg in die Politik fühlt sie sich vor allem auch von der Grünen Monika Herrmann unterstützt, der heutigen Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, die wie sie in einem aktiven CDU-Haushalt aufgewachsen ist. Herrmanns Eltern Annelies und Dieter gehörten beide für die Union dem Abgeordnetenhaus an.

Ein erster Versuch, bei den Grünen Fuß zu fassen, scheitert. Pieroth bewirbt sich auf eine Stelle als Fraktionsreferentin für Gesundheitspolitik  – und bekommt den Job nicht, wahrscheinlich wegen ihres Namens. Aber kurze Zeit später kommt die nächste Chance, 2011 aktiv den Wahlkampf von Renate Künast mitzugestalten, die mit den Ambitionen gestartet ist, Regierende Bürgermeisterin von Berlin zu werden. Daraus wird bekanntlich nichts. Für Pieroth geht es weiter: Landesgeschäftsführerin der Grünen, Fraktionsgeschäftsführerin, Kreisvorsitzende in Tempelhof-Schöneberg, schließlich der Einzug ins Abgeordnetenhaus. Von ihrem Vater hat sie folgenden Worte für die politische Arbeit mit auf den Weg bekommen: “Was in der Wirtschaft ein Jahr braucht, dauert in der Politik zehn Jahre.”

Ihr Wahlkreis liegt Catherina Pieroth am Herzen. Dort will sie etwas erreichen. Dafür hat sie das “Forum Schöneberg” etabliert, bei dem Themen diskutiert werden, die die Menschen betreffen. Die Drogenproblematik im Kiez etwa oder die problematische Verkehrssituation an der Hauptstraße. Diese konnte zumindest durch eine Fußgängerampel entschärft werden. Zur Sprache kommt auch, ob die Hauptstraße in einem Teilstück nach David Bowie benannt werden kann. Die Anwohner sind nicht begeistert, sondern eher ablehnend. Pieroth nimmt diese Stimmung auf.  

Beim Wahlkampf 2016 kommt ihr Vater am Stand auf der Straße vorbei. Es interessierte ihn einfach, wie man heutzutage modernen Wahlkampf macht.

Foto: Mike Wolff

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Dieser Artikel ist Teil einer Serie über die politischen Familienbande in  Tempelhof-Schöneberg.

  • Folge 1 erschien am 2. JuliAngelika Schöttler ist in fünfter Generation Sozialdemokratin.
  • Folge 2 (9. Juli): Grün-schwarze Familienbande: Martina Zander-Rade und Christian Zander sitzen für verschiedene Fraktionen in der BVV.
  • Folge 3 (16. Juli) Wie die Mutter, so die Töchter: Ingrid Kühnemann, Andrea Kühnemann und Melanie Kühnemann-Grunow sind aktiv in der SPD

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-s.kneist@tagesspiegel.de

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