Nachbarschaft

Veröffentlicht am 05.11.2019 von Judith Langowski

Martina Piechnik zog 1984 nach Westberlin. Erst war sie mit ihrem Mann und drei Kindern im Übergangslager Marienfelde, dann kamen sie ins Heim des Deutschen Roten Kreuzes nach Kreuzberg. Von dort fand die Familie eine Wohnung, groß genug für alle, in der Winterfeldtstraße. Seitdem lebt Piechnik in Schöneberg und fühlt sich wohl im Kiez. Sie arbeitete in der DDR bei VEB Stern Radio, wo sie auch ihren Mann kennen lernte. In Schöneberg arbeitete sie 30 Jahre lang als Tagesmutter für den Bezirk. Vor einem Monat erschien ihr Buch „Ein Mauerblümchen packt die Koffer“ über ihre Erfahrungen und Erinnerung aus dem geteilten Deutschland und ihrer Ausreise.

Wie können Sie Ihre Jugend in Ostberlin beschreiben? Ich bin in Weißensee geboren und habe später in Treptow gelebt. Wir wurden katholisch erzogen, in der Familie wurde immer offen geredet. Ich war nicht bei den Pionieren oder der FDJ – das hat mir natürlich Schwierigkeiten bereitet. Ich durfte meinen Beruf nicht frei wählen und nicht studieren. Der Vater meines Mannes war in der Partei, für den war das entsetzlich, dass ich ein Kreuz um den Hals getragen habe. Und als mein Bruder eine Staatsbürgerkundelehrerin heiratete, wurde auch in unserer Familie nicht mehr offen über die Politik geredet.

Warum entschieden sie sich dazu, ihre Erinnerungen als Buch herauszugeben? Ich hatte die Geschichten schon in den 90-ern aufgeschrieben, für meine Kinder. Wenn ich die Anekdoten im Freundeskreis erzählt habe, kam die Idee, das Ganze in einem Buch zusammenzubringen. Es sind Familiengeschichten, aber immer mit politischem Bezug. Die Mauer hat sich durch mein Leben gezogen wie ein roter Faden.

Wie lief Ihre Ausreise ab? Mein Mann und ich hatten beschlossen, dass wir den Ausreiseantrag erst abschicken, wenn eine Kopie sicher im Westen ist, damit die Bescheid wissen. Eine Cousine meiner Mutter schmuggelte die Kopie auf dünnem Durchschlagpapier in einer Zigarettenschachtel rüber. Als wir von ihr grünes Licht bekamen, stellten wir den Antrag in Treptow.

Fühlten Sie sich am Winterfeldtplatz gut aufgenommen? Es ist ja ein besonderer Kiez. Als wir vom DRK-Heim in Kreuzberg umzogen, beschlossen wir Geld zu sparen und zur neuen Wohnung zu laufen – mit Kindern, Gepäck und warm gemachten Mittagessen. Auf dem Weg dahin sahen wir viel Neues in Kreuzberg und Schöneberg, türkische und arabische Familien, das kannten wir ja alles nicht. Eine gute Erinnerung habe ich an das erste Straßenfest im Kiez rund um die Motzstraße. Wir wussten erst später, dass es sich um das schwul-lesbische Straßenfest handelte und haben uns über die Marzipanpenisse gewundert. Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich mit den Kindern da wahrscheinlich nie hingegangen. Aber so waren wir umgeben von fröhlichen Menschen und meine Vorurteile schnell verblasst. Also eigentlich hat nicht nur der Kiez mich gut aufgenommen, sondern ich habe mich auch drauf eingelassen.

Haben Sie es sich mal überlegt, nach ’89 wieder zurück in den Osten zu ziehen? Uns reichte immer die Freiheit, immer rüberzugehen, wenn wir wollen. Es könnte sein, dass wir später mal irgendwo in der ehemaligen DDR landen, aber muss auch nicht. Das ist mir egal. Weißensee wäre natürlich schön, da bin ich geboren, aber auch Reinickendorf, weil wir einen Garten in Wittenau haben.

Sie schreiben im Vorwort zu Ihrem Buch: „(Die Mauer) hat mich geprägt und verängstigt, nachdenklich gemacht und mich so empört, dass ich letztendlich den Mut hatte, dem Betonklotz die Stirn zu bieten.“ Wie werden Sie den 9. November feiern? Ich traue mich noch gar nicht zu planen, weil ich noch auf Rückmeldungen von so vielen Leuten warte. Aber ich will auf jeden Fall nach Mahlow gehen, wo der Bezirk Tempelhof-Schöneberg am Mauerdenkmal gemeinsam erinnern will.

Finden Sie, das 30. Jubiläum des Mauerfalls wird in Berlin gebührend gefeiert? Ja. Ich verfolge alles, was mit der ehemaligen DDR zu tun hat, sehr eng. Es ist richtig, auch die kritischen Stimmen zu betrachten. Aber womit ich nicht einverstanden bin, sind die jungen Leute, die meinen, heute sei es wieder so wie in der DDR. Da frage ich mich, haben die es erlebt, nicht reisen zu dürfen, haben die sich je eingesperrt gefühlt? Nein, die haben das nicht erlebt. Die wissen nicht, wie es damals war.

„Ein Mauerblümchen packt die Koffer“. Piechniks Erinnerungen sind im Verlag „Der andere Trommler“ erschienen. ISBN 978-3-944292-04-5. Es kostet 15,80 €. Hier bestellen

Wie Sie den 9. November gebührend feiern können, lesen Sie in unseren Programm-Highlights hier: tagesspiegel.de. – Foto: privat
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Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg entnommen. Den Newsletter gibt es in voller Länge und kostenlos unter leute.tagesspiegel.de.
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