Nachbarschaft

Veröffentlicht am 12.11.2019 von Judith Langowski

Sigrid Wiegand, 89, lebt bereits ihr ganzes Leben lang in Friedenau. Heute schreibt sie regelmäßig Artikel für die Schöneberger Stadtteilzeitung, ist bekannt für ihren ironisch-augenzwinkernden Blick auf den Bezirk. In ihrem Projekt „Spurensicherung“ blickt sie in eindrucksvollen Texten auf Krieg und Nachkriegszeit in Berlin zurück. Im Gespräch erinnert sich Wiegand an Schlüsselmomente ihres Lebens in Friedenau.

1930 im Auguste-Viktoria-Klinikum geboren, wächst Wiegand in der Rheinstraße nahe des sogenannten „Rheinecks“ auf – heute Walther-Schreiber-Platz. In ihrer frühen Kindheit erinnert sie sich besonders gern an das Spielen auf den breiten Hinterstraßen Friedenaus, ans Rollerfahren, Tennisbälle werfen, an die Straßenbahnen, die vor ihrer Haustür ratterten. Zu Beginn des 2. Weltkriegs ist Wiegand neun Jahre alt.

Zwischen 1939 und 1945 verbringt Wiegand lange Jahre in Masuren in einer Schülerpension. Den Einmarsch der Roten Armee bei Kriegsende erlebt sie jedoch in Berlin-Steglitz: die Verwirrung, den Aufruhr, das Verstecken unter Betten und hinter Schränken. „Hier spielte sich alles an der Ecke ab, da unten am Rheineck. Da stand eine russische Soldatin und hat den Verkehr geregelt, die Schilder überall in kyrillischer Schrift. Man wusste gar nicht, ob der Krieg nun zu Ende ist oder nicht, es gab ja keine Informationen. Radio ging nur sporadisch – dann tauchten die Russen hier auf und hier stand ein Riesenpanzer. Zuerst haben wir den Geschützdonner gehört.“ Wiegand verkleidet sich in dieser Zeit als Junge, verlässt das Haus in Skihose und Anorak, die Haare unter der Schirmmütze. Erzählungen von Vergewaltigungen gibt es auch in Friedenau, ihr selbst passiert nie etwas.

Im Juli 1945 erinnert sich Wiegand dann an die Übernahme der amerikanischen Soldaten, die nachts im Gleichschritt über die Rheinstraße marschieren. Sie beschreibt die laute Musik der Amerikaner im Titania-Palast – Benny Goodman, Swing – und erinnert sich daran, wie erleichtert die Stimmung war, wie viel man sich mit den Soldaten unterhalten konnte. Das Schulfach Russisch wählt sie sofort ab –nun lernt man Englisch. Nach dem Krieg macht Wiegand eine kaufmännische Ausbildung an der Wirtschaftsschule am Perelsplatz, wird Sekretärin und kurz darauf Mutter dreier Kinder. Eigentlich will sie Journalistin werden, doch erst fehlt Zeit, später der Mut.

Im August 1961 ist Wiegand mit ihrer Familie im Urlaub in Dänemark – als sie zurückkommen, steht die Mauer. In der DDR ist Wiegand in den folgenden Jahren selten, erinnert sich jedoch an viele Grenzüberfahrten auf dem Weg nach Westdeutschland: an Anspannung, nervöse Stille und strenge Grenzpolizisten. Auf ihre Besuche in Ostberlin blickt sie bedrückt zurück. Bei einem Spaziergang Unter den Linden ist sie entsetzt über die Trostlosigkeit, die leeren Schaufenster. Später wird sie in Ostberlin einmal im Auto angehalten, fühlt sich eingeschüchtert: „Bloß weg, bloß nicht auffallen.“

An den 9. November 1989 hat Wiegand eindringliche Erinnerungen: „Meine Tochter rief mich an – eigentlich hatten wir uns verabredet – und ich sagte: „Mensch, wo bleibst du denn? Ich warte hier auf dich“. Und die sagt zu mir: „Weißt du überhaupt, was los ist?“. Ich hatte kein Radio an und wusste das gar nicht. Und dann habe ich geheult. Wie verrückt. Die halbe Nacht lang.“

1997 gibt Wiegand schließlich ihre Berufstätigkeit auf. Als sie jedoch wenige Jahre später von der Gründung der Schöneberger Stadtteilzeitung hört, ergreift sie sofort die Gelegenheit. Sie wird Redakteurin, kommt wieder ins Schreiben, verfasst einen Artikel nach dem anderen (Eine Sammlung finden Sie hier). Auch ihre eigenen Erlebnisse veröffentlicht Wiegand, viele davon in den Sammelbänden der Edition Friedenauer Brücke – immer angetrieben durch die Freude an der Erinnerung. Vor allem schreibt sie über Beobachtungen in Friedenau, über Film, Theater, Politik.

Heute gibt sich Wiegand optimistisch, sieht ihr Alter gelassen, erzählt von den Projekten, die sich nach wie vor auf ihrem Schreibtisch stapeln. Interviews mit Frauen aus der Nachkriegszeit zum Beispiel. Und Lyrik. Unfertige Texte, die zu Ende geschrieben werden wollen. Wiegand hat noch viele Pläne: „Man möchte etwas hinterlassen“.

Wer mehr über Frau Wiegand und ihre Erinnerungen lesen möchte, kann dies hier tun.

Die Nachbarin dieser Woche wurde vorgestellt von Lotte Buschenhagen, Friedenauerin und Praktikantin bei Tagesspiegel „Leute“ und „Checkpoint“. Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-s.kneist@tagesspiegel.de.

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