Nachbarschaft

Veröffentlicht am 19.11.2019 von Sigrid Kneist

Wolfgang Pohl, gerade noch 65 Jahre, Friedenau, lebt seit elf Jahren mit der Familie in Berlin, Mitglied der Seniorenvertretung in Tempelhof-Schöneberg. Zudem ist Pohl im Buchstabenmuseum und als Streetartist, der Korkmännchen auf Straßenschilder setzt, aktiv. Seine Figuren heißen „Alte wilde Korkmännchen“, wurden inspiriert durch die Streetyogis von Josef Foos, und tragen meist ein Fähnchen in der Hand. Zu finden sind sie auf Straßenschildern oder unter korkmaennchen.de

Warum engagieren Sie sich in der Seniorenvertretung? Ich wusste nichts von der Seniorenvertretung, bis meine Frau vor der letzten Wahl ein Interview mit Elke Schilling (bis 2018 Seniorenvertreterin im Bezirk Mitte) in der taz gelesen hat, unter dem Titel „Wow, es lohnt sich“. Da hat sie mich dann für die Wahl vorgeschlagen. Nach dem Motto: „Geh da rein, das hilft mir, wenn ich mal Seniorin bin.“ Mobilität, der zögerliche Ausbau der Fahrradinfrastruktur, war mein erster Ansatzpunkt und eigenes Interesse. Auch im Alter möglichst lang mobil bleiben können. Dann sind immer mehr Themen durch die Arbeit in den Ausschüssen des Bezirks dazu gekommen. Fußverkehr, Gefahrenpunkte wie Gehwegpoller, Sport und Bewegung im Alter(n). Der Blick auf die Umgebung wird mit der Aufgabe ein anderer. Andere Seniorenvertreter*innen machen mehr Beratung. Jede*r mehr so das, was ihm oder ihr liegt.

Seit wann sind Sie dabei? Die Wahlen zur Seniorenvertretung der Bezirke finden immer knapp nach den Senats- und Bezirkswahlen statt. Anfang 2017 war das. 17 Mitglieder werden gewählt. Wer 60 plus ist, kann wählen und darf gewählt werden.

Was liegt im Argen? Es wird viel von der wachsenden Stadt geredet. Allerdings wird oft nicht angemessen realisiert, dass es vor allem eine älter werdende Stadt ist. In Tempelhof-Schöneberg beispielsweise werden bis 2030 durch die Babyboomer (die geburtenstarken Jahrgänge der fünfziger und sechziger Jahre) und die steigende Lebenserwartung 31 Prozent der Menschen älter als 60 sein. Fast ein Drittel also. Darauf sind wir nicht ausreichend vorbereitet.

Woran machen Sie das fest? Bestes Beispiel ist die fehlende Barrierearmut im Bereich der Mobilität. Beim U-Bahnbau noch in den siebziger Jahren hat man sich um die Alten und die mit dem Kinderwagen nicht geschert. Autogerechte Stadt halt. Die Folgen sieht man heute an jeder Ecke, jeder Treppe und jedem Kantstein. In Zukunft brauchen wir viel mehr wohnortnahe Anlaufstellen. Für altersgerechten Sport und Bewegung, für Begegnung und kulturelle Veranstaltungen. Und um die sozialen Probleme durch die Altersarmut in den Griff zu kriegen. Wohnraum mit schmaler Rente behalten zu können, wenn dann noch der Partner verstorben ist, wird ein Problem.

Was haben Sie und Ihre Mitstreiter schon erreichen können? Wenn der Maßstab hoch angelegt wird, ist es wenig, was die Seniorenvertretung beeinflussen kann. Im Einzelfall bin ich überrascht, was so alles geht. Egal ob bei der Mobilität oder in der Beratung beim „Behördendschungel“. Und wir tragen dazu bei, dass sich der Blick der Bezirksverordneten und der für den Bezirk Verantwortlichen ändert und die Perspektive der Senior*innen mehr berücksichtigt wird.
Text: Sigrid Kneist, Foto: privat

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Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg entnommen. Den Newsletter für den Bezirk gibt es in voller Länge und kostenlos hier leute.tagesspiegel.de
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Weitere Themen im neuen Tagesspiegel-Newsletter für Bezirk Tempelhof-Schöneberg – eine Auswahl:

  • Festnahme wegen Terrorverdachts
  • Holocaust-Gedenken in Yad Vashem und in unserem Bezirk
  • Im Einsatz gegen Poller und für Barrierefreiheit: Wolfgang Pohl ist Mitglied der Seniorenvertretung des Bezirks
  • Ein Schöneberger Denkmal: Wie steht’s um den Hochbunker in der Pallasstraße?
  • Vorschau auf die BVV: CDU und SPD fordern ein Bürgeramt für Friedenau
  • Premiere im Theater Morgenstern: „Am 4. Advent um morgens um vier“ von Klaus Kordon
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