Nachbarschaft

Veröffentlicht am 07.01.2020 von Sigrid Kneist

Ulli Kulke, Journalist und Autor, Tempelhof, Bürgerinitiative „verkehrsberuhigte Gartenstadt“

Von Stau zu Stau. Morgens und nachmittags im Berufsverkehr reihen sich in der Gartenstadt Neu-Tempelhof die Autos Stoßstange an Stoßstange. Der Tempelhofer Damm zwischen Platz der Luftbrücke und dem Autobahnanschluss der A 100 ist um diese Zeit dicht. Dann weisen viele Navigationsgeräte den Autos die Durchquerung des auch als „Fliegerviertels“ bekannten Wohngebiets als schnellere Alternativroute aus. Besonders betroffen ist die Manfred-von-Richthofen-Straße, die in einem Halbkreis den Tempelhofer Damm umfährt. In Spitzenzeiten – vor allem am Nachmittag – hat Anwohner Ulli Kulke dort bis zu 700 Autos in der Stunde gezählt, die meisten davon auf dem Weg zum Autobahnanschluss. Dann staut’s sich auch auf dem Schleichweg.

Seit drei Jahren aktiv. Kulke wohnt seit 2002 im Kiez. Er kämpft seit drei Jahren für eine Verkehrsberuhigung durch Poller, mit denen der Durchgangsverkehr im gesamten Viertel verhindert werden soll. Es gebe mehrere Überlegungen, wo genau diese stehen sollten. Vor drei Jahren wurde er erstmals aktiv, warf Flugblätter in die Briefkästen seiner Nachbarschaft. Die Resonanz war groß; Kulke erhielt 150 Antworten. 2018 setzten er und seine Mitstreiter eine Einwohnerversammlung zum Thema durch. „Die Rundkirche auf dem Tempelhofer Feld war bis auf den letzten Platz voll“, sagt Kulke.

Alles beim Alten auf der Straße. Im Oktober desselben Jahres fasste die Bezirksverordnetenversammlung auf Antrag der SPD dann einen Beschluss und forderte das Bezirksamt auf, ein Konzept der Bürgerinitiative verkehrsberuhigte Gartenstadt „in Abstimmung mit den weiteren zuständigen Stellen des Landes umzusetzen“. Sollten bestimmte Punkte nicht realisierbar sein, solle das Bezirksamt Alternativen nennen. Passiert ist auf der Straße bisher nichts.

Einwohnerversammlung. An diesem Donnerstag gibt es jetzt eine zweite Einwohnerversammlung (18.30 Uhr im BVV-Saal des Rathauses Schöneberg). Dort muss sich vor allem die für den Verkehr zuständige Stadträtin Christiane Heiß (Grüne) der Kritik der Anwohner stellen, in der Kulke die Bremserin von Sofortmaßnahmen sieht. Es sei nicht verständlich, so Kulke, warum beispielsweise im Nachbarbezirk Friedrichshain-Kreuzberg der dortige Stadtrat Florian Schmidt (ebenfalls Grüne) im Samariter- und im Wrangelkiez einfach Poller setzen kann, die Stadträtin hier aber zuvor ein umfassendes Gutachten einholen will.

Die Zeit drängt. Diese Kritik teilt auch der SPD-Bezirksverordnete Christoph Götz-Geene. Er hält das Gutachten für ein überflüssiges „Riesenbrimborium“, die Verkehrsberuhigung hätte auch unkomplizierter umgesetzt werden können. Jetzt dränge aber die Zeit. Ab 2022 wird der Tempelhofer Damm zu einer Riesenbaustelle, da die Wasserbetriebe umfangreiche Rohrerneuerungen planen und im Zuge dessen unter anderem auch Vattenfall und die BVG Sanierungsarbeiten vornehmen. Bis dahin müsse die Gartenstadt vom Durchgangsverkehr befreit sein.

Umfassendes Gutachten. Stadträtin Heiß ist davon überzeugt, dass dieses auf jeden Fall vorher zu schaffen sein wird. In der Tat hält sie nichts von einer singulären Lösung nur für diesen Kiez und diesen einen Verkehrsaspekt. Sie will erst mit einem umfassenden Gutachten klären, wie die gesamte verkehrliche Situation auf zwei Fahrradverbindungen und auf den Komplex Schulwegsicherheit gestaltet werden kann. Dabei soll auch der Stadtumbau am Südkreuz berücksichtigt werden, wo ein neues Quartier entsteht.

„Es gibt so viele Planungsaufgaben für das Gebiet“, sagt Heiß. Die Verbannung des „Schleichverkehrs“ aus dem Kiez sei nur ein Punkt davon. Zum Vergleich mit dem Nachbarbezirk sagte Heiß, dass Friedrichshain-Kreuzberg deutlich mehr Personal für Verkehrsfragen zur Verfügung habe. Die Annahme, dort wäre ohne technische Planung Verkehrsberuhigung umgesetzt worden, sei schlicht Unfug. „Tempelhof-Schöneberg muss alle planenden Aufgaben im Verkehrsbereich nach außen vergeben. Dazu gehören auch kleine Maßnahmen.“ Inzwischen gebe es die Mittel für das Gutachten; der Auftrag werde ausgeschrieben. Auch eine Bürgerbeteiligung sei vorgesehen. Anschließende könne mit der Realisierung begonnen werden. Heiß: „Ich bin im Zeitplan.“ – Text: Sigrid Kneist

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-s.kneist@tagesspiegel.de

Foto: privat

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