Nachbarschaft

Veröffentlicht am 07.04.2020 von Sigrid Kneist

Tilman Reger, evangelischer Pfarrer in der Kirchengemeinde Zum Heilsbronnen im Bayerischen Viertel, lebt am Viktoria-Luise-Platz. Er ist zudem Beauftragter für Kirche und Stadtentwicklung in den beiden Kirchenkreisen Tempelhof-Schöneberg und Berlin Nord-Ost und bringt bei den großen Neubauvorhaben im Nordosten und im Stadtumbaugebiet Neue Mitte Tempelhof die Angebote der Kirche und Diakonie für eine soziale Stadtplanung ins Spiel. Dafür engagiert er sich auch in der Vernetzung zwischen Kirchengemeinden und anderen Akteuren im Stadtteil.

Die Kirchen sind zu, Gottesdienste finden nicht statt. Wie kommen Sie zurzeit mit Ihrer Gemeinde in Kontakt? Ich telefoniere viel mit Menschen, die zur Kirchengemeinde gehören, egal ob wir uns schon kennen oder jemand sehr selten in die Kirche kommt. Ich habe in meiner Straße angefangen und sehr schöne Gespräche gehabt, auch sehr persönliche. Außerdem haben wir am Eingang der Kirche Zum Heilsbronnen Texte und Segensworte zum Mitnehmen angebracht. Das wird gut angenommen und viele Menschen haben dort eigene Botschaften hinterlassen. Darüber berichte ich auch auf meinem Twitter-Account. Die Webseiten der Gemeinden sind auch alle einen Besuch wert, um die aktuellen Online-Angebote zu entdecken.

Brauchen die Menschen in diesen Wochen mehr seelsorgerliche Hilfe? Zum Glück sind die Menschen, mit denen ich bisher gesprochen habe, zumeist gut versorgt und stehen im Kontakt mit Freunden und Angehörigen. Bei allen Gesprächen geht es aber auch um die Sorgen und Belastungen, das ist ja sehr verständlich. Alles ist anders als sonst. Natürlich braucht die Seele jetzt mehr Fürsorge, das merke ich als Pfarrer in den Gesprächen, und das merke ich auch bei mir selbst.

Melden sich jetzt vielleicht auch Menschen, die sonst eher kirchenfern sind? Einige haben von sich aus mit Aushängen an unserer Kirche am Bayerischen Platz und auch mit Anrufen Hilfe angeboten, das ist ganz toll. In die offene Apostel-Paulus-Kirche, ein paar Straßen weiter, kommen jeden Tag Menschen, die dort für eine Weile sitzen und eine stille Zeit in diesem schönen Raum einlegen. Da zeigt sich, dass viele Menschen der Kirche nicht fern sind, sondern ihren eigenen Bedürfnissen folgen und jetzt die Kirche als Anlaufpunkt nutzen.

Was liegt den Menschen auf dem Herzen? Viele haben Sorge um ihre Arbeit und die mittelfristigen Folgen der momentanen Einschränkungen, das ist sehr verständlich. Viele denken aber auch an die Menschen, die gesundheitlich betroffen sind, und genauso an die, die unermüdlich helfen und die Versorgung in der Medizin und in den Läden am Laufen halten. Die Sorge um die eigene Gesundheit ist auch präsent, vor allem bei den Älteren. Gerade an den Ostertagen würden wir unsere Familien treffen. Dass das jetzt nicht möglich ist, macht viele traurig, die Kleinen wie die Großen.

Was kann die Kirche ihnen bieten? Wir bieten ganz praktische Hilfe an, genauso wie viele andere in der Nachbarschaft. Da zahlt sich aus, dass wir als Gemeinden gute, engmaschige Netzwerke sind. In den Online-Medien bauen viele Gemeinden ein breit gefächertes neues Angebot aus, mit Musik, Kindergottesdiensten, Interviews und auch mit interaktiven Formaten. Und wir haben ein offenes Ohr, alle Seelsorger in den Gemeinden und ebenso am ökumenischen Seelsorgetelefon der Berliner Kirchen. Das kann man täglich unter der Nummer 030 403 665 885 in der Zeit zwischen 8 bis 24 Uhr anrufen. Außerdem singen wir von unseren Balkonen und wir beten, weil wir glauben, dass das hilft, indem es Menschen stark macht und unsere Solidarität stärkt.

Wie können Sie die Einsamen erreichen, die jetzt noch isolierter sind als ohnehin schon? Die Krankenhausseelsorge arbeitet weiter, aber unter Einschränkungen. Die Seelsorger*innen müssen angefordert werden, darum können sich auch die Angehörigen telefonisch kümmern. In den Haftanstalten ist das ähnlich. Gruppen und Gottesdienst können nicht wie gewohnt stattfinden. Dort wird ein „Kirchenkassiber“ als Andachtsblatt verteilt. Wenn die Glocke der Kapelle läutet, wissen alle, dass sie jetzt gemeinsam beten und die Texte lesen.

Und wie feiern Sie in der Gemeinde Ostern? Gibt’s einen Livestream oder ähnliches? Ich bin ganz begeistert über die Aufbruchsstimmung, mit der zurzeit neue Wege der Kommunikation, des Gebets und der Predigt gegangen werden. Das passt zu Ostern, genauso wie die große Hilfsbereitschaft an vielen Orten. Viele Gottesdienste werden per Livestream übertragen, schon seit Beginn der Einschränkungen. In der Schöneberger Mitte produzieren drei Gemeinden zusammen Online-Gottesdienste. Mehr aus ganz Berlin und der Landeskirche kann man auf der Seite ekbo.de/ostern unter dem Motto „Ostern anders“ finden.

Und Sie persönlich? Ich persönlich feiere Ostern dieses Jahr mit einem Spaziergang, der auch an der Kirche Zum Heilsbronnen vorbeiführt. Dort wird ein Osterbaum stehen und die ganze Nachbarschaft und Kirchengemeinde wird ihn im Vorbeigehen mit bunten Eiern schmücken.

Text: Sigrid Kneist, Foto: promo

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-s.kneist@tagesspiegel.de

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