Nachbarschaft
Veröffentlicht am 23.06.2020 von Sigrid Kneist
Manfred Suttinger, Redakteur beim RBB, aufgewachsen in Tempelhof
„Wir leben zwar mitten in der Stadt, aber doch in einem Dorf“, sagten unsere Eltern. Genau das gefiel ihnen an Neu-Tempelhof. Hier gab es eine ganze Reihe Einzelhandelsgeschäfte, eine Polizeiwache, zwei Postfilialen, zwei Kirchen, ein paar Kneipen und Arztpraxen, Schulen und Kindergärten, Bus- und Straßenbahnhaltestellen sowie einen U-Bahnhof, der nach der angrenzenden Paradestraße benannt war, die sich als geometrische Mittelachse durch die Gartenstadt zog. Die Adressen in der Siedlung hießen Weg, Ring, Plan oder Korso. Das klang beschaulich. Den friedlichen Straßen- bezeichnungen waren jedoch die Namen erfolgreicher Jagdflieger vorangestellt, die sich ihre namentliche Ehrung durch weniger friedliche und beschauliche Luftschlachten im Ersten Weltkrieg hatten verdienen müssen. Einige Menschen nannten die Gartenstadt deswegen auch das ‚Fliegerviertel’.
So schildert Manfred Suttinger in seinem Buch „Als ich Kennedy verpasste – Eine Kindheit in Berlin-Tempelhof“ den Ort, an dem er aufwuchs. Mitten in der Stadt und doch ein bisschen Dorfgefühl – das sehen die heutigen Bewohner Neu-Tempelhofs bestimmt ähnlich. Die Infrastruktur der Gartenstadt hat sich allerdings entschieden geändert: Polizeiwache und Postfilialen sind längst geschlossen, die Straßenbahn fährt seit Jahrzehnten nicht mehr. Aber das ist auf Dörfern ja auch nicht anders.
Zwischen Kaltem Krieg und Wirtschaftswunder. Suttinger ist Jahrgang 1957, der Krieg mit all seinen Gräueln gerade einmal zwölf Jahre her, prägend für die Eltern und immer noch für die Kinder spürbar. Dazu kommen die neuen Bedrohungen des Kalten Krieges und damit die Angst vor neuen Katastrophen. Gleichzeitig ist es eine neue Zeit mit Wirtschaftswunder und Konsumrausch, die Freiheit West-Berlins inmitten der Unfreiheit der DDR.
Erinnerungen aufgeschrieben. Vor einigen Jahren trafen sich Suttinger und seine Klassenkameraden zum 50. Jubiläum der Einschulung. Danach hatte er die Idee, seine Kindheit und Jugend in einem Buch zusammenzufassen. Die Erinnerung fiel ihm leicht; viele Details – vom Neckermann-Katalog und den damaligen Fernsehklassikern Flipper, Fury, Lassie, Daktari bis zum sonntäglichen Taschengeldauszahlen kamen ihm schnell wieder in den Sinn. Neu-Tempelhof verließ Suttinger, der heute beim RBB als Redakteur eine Reportagereihe betreut, nach dem Ende der Schulzeit. Mittlerweile lebt er in Kleinmachnow.
Das Buch „Als ich Kennedy verpasste – Eine Kindheit in Berlin-Tempelhof“ (ISBN 978-3-9812651-6-3) kann man unter anderem per E-Mail unter alsichkennedyverpasste@berlin.de bestellen. 14,90 Euro plus 1,90 Euro Versandkosten.
Foto: RBB/Gundula Krause
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