Nachbarschaft

Veröffentlicht am 21.07.2020 von Sigrid Kneist

Stephan Kersten, Marcia Behrens, Hinrik Weber, René Mühlroth, Dr. Thomas Nittka, Vorstand Netzwerk Großbeerenstraße, Mariendorf/ Marienfelde

Wen vertritt das Unternehmensnetzwerk Großbeerenstraße? Seit 2008 ist das Unternehmensnetzwerk Großbeerenstraße mit sieben monatlich tagenden Arbeitskreisen aktiv. Sie dienen den engagierten Unternehmen in Berlins zweitgrößtem innerstädtischen Gewerbe- und Industriegebiet mit rund 7000 Beschäftigten und über 300 Unternehmen als Herzkammer der gemeinsamen Projektentwicklung. Über die Netzwerkprojekte werden über 100 Unternehmen aktiv in die Umsetzung der Initiativen eingebunden. 

Warum sind solche lokalen Wirtschaftsbündnisse notwendig?  Über unsere Netzwerkkooperationen erschließt sich für die Unternehmen die Möglichkeit, innovative, lösungsorientierte Projekte ressourceneffizient in Qualität, Dimension und Nachhaltigkeit vernetzt umzusetzen. Diese könnten sie allein als mittelständischen Unternehmen so nicht realisieren.

Was zeichnet den Standort aus? Wo gibt’s Probleme? Schon 2013 haben rechtsradikale Umtriebe in Mariendorf und Marienfelde uns im Netzwerk zum Handeln gezwungen. Hierauf geht die Gründung unserer mehrfach ausgezeichneten gesellschaftspolitischen Netzwerkinitiative „Netzwerk mit Courage: Gegen Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung!“ zurück. In unserem Projekt „Arrivo-Ring-Praktikum“ mit Unterstützung der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales begleiten wir seit 2015 jährlich mehr als 400 geflüchtete Menschen bei ihrer Integration. Dieses Engagement wurde bundesweit unter 6000 Bewerbungen mit dem 1. Platz des Deutschen Bürgerpreis in der Kategorie engagierte Unternehmen und von der europäischen Kommission für integrationsfreundliches Unternehmertum ausgezeichnet. 

Was hat sich in Ihrer Arbeit durch die Pandemie geändert? Corona ist die Stunde des Netzwerks. Die Auswirkungen sind für viele unserer Unternehmen sehr unterschiedlich und in der Konsequenz noch nicht wirklich abschließend zu beurteilen. Für die Netzwerkarbeit war der Corona-Lockdown ein Innovationsbeschleuniger. Das Netzwerk hat Ende April unter dem Motto „Corona kann uns nicht bremsen!“ als erster Berliner Verein seine reguläre Vereinsmitgliederversammlung interaktiv online umgesetzt. Die Mitglieder waren begeistert und setzen alle weiteren Netzwerkarbeitskreise als Web-Konferenzen um. So ist bisher im Netzwerk Großbeerenstraße trotz Corona noch nicht eine Veranstaltung ausgefallen.

Wie beurteilen Sie die Wirtschafstpolitik im Bezirk? Das Team der bezirklichen Wirtschaftsförderung ist sehr präsent und sticht hier besonders positiv hervor. In dem kooperativen Arbeitsstil der verschiedenen politischen Fraktionen des Bezirksamts gehen hingegen die parteispezifischen Schwerpunkte und Alternativen für unseren Bezirk verloren. Ein wenig mehr konstruktiver und sichtbarer Wettbewerb der Ideen wäre sicherlich förderlich.

Wo bräuchten Sie mehr Unterstützung? In unserem Bezirk haben wir seit Jahren einen beträchtlichen Anteil an Jugendarbeitslosigkeit. Die Corona-Krise wird das Problem verschärfen und im schlimmsten Fall eine Corona-Generation mit erheblich schlechteren Startchancen für den Eintritt in das Berufsleben hervorbringen. In diesen Zusammenhang haben wir das Aussetzen der Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss, das „Einfrieren“ von Schulnoten während des Lockdowns und die völlige Reduzierung der Berufsberatung der Agentur der Arbeit und der Jugendberufsagentur an den Schulen auf einen „Telefondienst“ zugunsten der Verwaltung des Kurzarbeitergeldes sehr kritisch beobachtet. So haben sich nur schwer wieder aufzuholende Defizite nicht nur fachlich, sondern auch in der Mentalität zur Bewältigung von kommenden Krisen aufgebaut.

Wie engagiert sich das Netzwerk im Stadtteil oder im Bezirk? Durch unsere Projekte haben sich in zehn Jahren erfolgreicher Netzwerkarbeit verschiedene Formate und Netzwerkangebote etabliert. Einige Beispiele: Im Bereich Berufsorientierung stellen wir regelmäßig 48 Ring-Praktikums-Plätze für Schülerinnen und Schüler unserer Partnerschulen bereit. Unser Netzwerk-Assessmentcenter und unser Tool „P3-Potentiale-Planspiel-Praxis“ hilft uns, gezielt und dreimal im Jahr unsere Ausbildungsplätze nachhaltig zu besetzen. Seit 2020 ist die Johanna-Eck-Oberschule unsere strategische Kooperationsschule. Wir sind dort eingeladen, mit Angeboten der Berufsorientierung und des Praxisbezugs für den Fachunterricht insbesondere in den MINT-Fächern an der Schulentwicklung teilzunehmen.

Wie haben Sie die Schule in der Corona-Krise unterstützt? Wir konnten über 100 Chromebooks für bedürftige Schüler und SchülerInnen bereitstellen und ungenutzte Seminar- und Besprechungsräume in unseren Unternehmen im Umfang von über 1000 Stunden als Lernbüros zur Verfügung anbieten. Gleichzeitig haben wir mit über 150 webgestützten Unterrichtstunden 1200 Teilnehmerplätze in den Kernfächern Mathematik, Deutsch und Englisch bereitgestellt. Dennoch beobachteten wir einen erheblichen Lernrückstand, so dass wir mit 120 Jugendlichen in Kooperation mit der Senatsbildungsverwaltung eine Sommerschule veranstalten. Der Spaß darf dabei nicht zu kurz kommen und wird gekrönt durch unser Sommercamp in Flecken Zechlin mit vielen Freizeitangeboten wie Kanufahren und Beachvolleyball. Wir freuen uns darauf, das wird eine tolle Zeit mit unseren zukünftigen potentiellen Auszubildenden.

Was möchten Sie Unternehmen im Bezirk mitgeben? Es wird am Beispiel unseres Netzwerks deutlich, was Unternehmen gut vernetzt bewegen können, wenn aktive Mitglieder in ihrem Arbeitskreis, jenseits von Vereinsmeierei, innovative Lösungen umsetzen. Daher laden wir in unser Netzwerk alle Gewerbetreibenden und Unternehmen ein, die sich im Bezirk engagieren möchten. Es lohnt sich – ein Gewinn für alle!
netzwerk-grossbeerenstrasse.de 

Dies ist der vierte Teil der Sommerserie über die Wirtschaft im Bezirk und ihre Akteure. Bisher erschienen Das Netzwerk Motzener Straße im Porträt und „Allein ist man nur Eine, gemeinsam sind wir Viele”: Das Unternehmerinnen-Netzwerk und „Neue interessante Firmen, ein spannendes Gebiet: Das Unternehmensnetzwerk Südkreuz“.

Text: Sigrid Kneist, Foto: promo

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+++ Die Themen der Woche:

  • Planung für Moscheebau in Mariendorf: Baugenehmigung ist erteilt
  • Ausbau des Gasometers: Neues Bauplanungsverfahren für den Euref-Campus mit Bürgerbeteiligung
  • Anbindung der Gewerbegebiete im Süden: Das lange Warten auf zwei Bahnhöfe
  • Bürgerämter: Das lange Warten auf einen Termin
  • Engagiert für Ausbildung und gegen Rechts: Das Unternehmensnetzwerk Großbeerenstraße
  • Constanze Hess von Blau-Weiß 90 als Fußballerin der Saison nominiert
  • Unflätige Maskenverweigerin: Busfahrerin reagiert couragiert