Nachbarschaft

Veröffentlicht am 28.07.2020 von Sigrid Kneist

Tobias Mette, Unternehmer-Initiative Tempelhofer Damm

Wen vertritt die Initiative? Die Unternehmer-Initiative Tempelhofer Damm ist ein Zusammenschluss von Geschäftsleuten, Anwohnern, Eigentümern und Dienstleistern am Gewerbe- und Wohnstandort Tempelhofer Damm und Umgebung.

Warum sind solche lokale Wirtschaftsbündnisse notwendig? Nur durch aktive Netzwerkarbeit und gemeinschaftliches Engagement im Bezirk und der Stadt können wir die Attraktivität, hier speziell rund um den Te-Damm, aber auch insgesamt verbessern – für die Wirtschaft, das Leben, Arbeiten und Lernen. Wir bündeln unsere Kräfte, um dem Abwärtstrend entgegenzuwirken, das tun wir beispielsweise durch Gespräche mit Politik und Verwaltung, durch nachbarschaftliche Aktionen, um das Gemeinschaftsgefühl im Kiez zu stärken, durch Kooperationen mit anderen Netzwerken, Schulen und sozialen Einrichtungen.

Was bedeutet die geplante Schließung des Karstadt-Kaufhauses für den Standort? Die Schließung dieses traditionellen Warenkaufhauses stellt eine Katastrophe für alle betroffenen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die Kundinnen und Kunden sowie unseren Standort insgesamt dar. Die Aufenthaltsqualität wird weiter leiden, und wir verlieren ein engagiertes, gewichtiges Mitglied. Sowohl Karstadt Tempelhof als auch der Tempelhofer Hafen bilden derzeit die positiven Anker, bei denen die Menschen gerne ihre Einkäufe erledigten, ihr Mittagsmenü einnehmen oder gemeinsam Zeit verbringen. Speziell Karstadt Tempelhof profitierte viele Jahre von seinen treuen Stammkunden. Bereits während der Lock-Down-Phase in der Corona-Krise wurde deutlich sichtbar, wie ein geschlossenes Kaufhausgebäude an dieser Stelle wirkt. Absolute Leere, Kunden, die sich ihre Nasen an den Schaufenstern platt drückten und darauf warteten, dass sie wieder „ihr“ Karstadt besuchen können. Wir hoffen und kämpfen gemeinsam für eine Lösung und den Erhalt dieses Traditionskaufhauses in Tempelhof.

Wie beurteilen Sie die Wirtschafspolitik im Bezirk? Wir stehen im engen Kontakt zur Wirtschaftsförderung und wirken an vielen Stellen mit. Unsere Meinung ist gefragt, das schafft Vertrauen und Transparenz. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg gilt als Wirtschaftsstandort erster Klasse und zählt zu den Top-Adressen für Investorinnen und Investoren in Berlin. Hier finden sie gewachsene und funktionierende Strukturen, unterstützende Netzwerke und engagierte Ansprechpartner_innen. Mit Blick auf diese Vielfalt muss die Wirtschaftspolitik täglich einen Balanceakt vollbringen, um beispielsweise die Interessen zwischen dem Bereich rund um die Tauentzienstraße mit denen am Tempelhofer Damm fair und wirtschaftlich sinnvoll auszuloten.

Was wünschen Sie sich vom Bezirksamt, wo bräuchten Sie mehr Unterstützung? Wir wünschen uns weiterhin eine offene und ehrliche Kommunikation. Wir starten in Kürze das Pilot-Projekt „Micro-Hub am Te-Damm“ (Anlieferung mit Lastenfahrrädern, die Red.) und setzen große Hoffnung auf ein nachhaltiges Ergebnis. Wir freuen uns auf die gemeinsame Interessenabwägung und fortdauernde Überzeugungsarbeit für dieses Projekt am Standort. Gleichzeitig bitten wir den Bezirk, alle verfügbaren Kräfte zu mobilisieren, um eine Lösung für Karstadt Tempelhof und dessen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen herbeizuführen.

Wie und wo engagiert sich das Netzwerk im Stadtteil oder im Bezirk? Unser Netzwerk engagiert sich vorrangig am Tempelhofer Damm. Durch unsere jahrelange Netzwerkarbeit unterstützen wir mittlerweile jedoch auch das Unternehmer-Netzwerk Lichtenrade und stehen mit allen bekannten Netzwerken des Bezirkes in Kontakt. Durch die Aktionen der vergangenen Jahre sind neue Firmen auf uns aufmerksam geworden, und auch die naheliegenden Einkaufszentren tauschen sich mit der Unternehmer-Initiative aus. Unser Ziel ist es, das Gesamtbild des Te-Damm zu verbessern und so einen lukrativen und beständigen Standort zu schaffen – für alle, die hier wohnen, leben und arbeiten. Hierzu organisieren wir unter anderem den „Tempelhofer Sommer“, das Sommerfest vor dem Rathaus Tempelhof, das in diesem Jahr coronabedingt ausfällt, führen Workshops durch oder laden alljährlich alle Akteure aus dem Bezirk zu unserem Neujahrsempfang ein.

Was hat sich in Ihrer Arbeit durch die Pandemie geändert? Leider haben wir unsere monatlichen Treffen durch die Kontakteinschränkungen vollends einstellen müssen. Wir haben zudem alle unsere Mitglieder zeitnah und unkompliziert über Möglichkeiten der Hilfestellungen in Corona-Zeiten, wie Subventionen oder ähnliches informiert. Wir haben unsere Mitglieder besucht und ihnen Mut in dieser schweren Zeit zusprechen können. Wir haben viel miteinander telefoniert oder per Video-Chat miteinander kommuniziert. Natürlich fiel es uns auch sehr schwer, dass sämtliche Events, wie der „Tempelhofer Sommer“, das Rock- und Spielfest oder das Stadt-und-Land-Festival der Riesendrachen 2020 ausfallen. Ansonsten spüren auch wir den Drang, bald wieder unter veränderten Bedingungen voll anpacken zu können und uns weiterhin für den Standort Tempelhof engagieren zu dürfen.

Dies ist der fünfte Teil der Sommerserie über die Wirtschaft im Bezirk und ihre Akteure. Bisher erschienen Das Netzwerk Motzener Straße im Porträt und „Allein ist man nur Eine, gemeinsam sind wir Viele”: Das Unternehmerinnen-Netzwerk„Neue interessante Firmen, ein spannendes Gebiet: Das Unternehmensnetzwerk Südkreuz“ und  „Engagiert für Ausbildung und gegen Rechts: Das Unternehmensnetzwerk Großbeerenstraße“.

Text: Sigrid Kneist, Foto: privat

+++ Das ist ein Ausschnitt aus unserem Newsletter Tempelhof-Schöneberg. Jeden Dienstag kostenlos: leute.tagesspiegel.de

+++ Die Themen der Woche:

  • Gebündelte Kräfte gegen den Abwärtstrend: Die Unternehmer-Initiative Tempelhofer Damm
  • Gewerbe, Handwerk, Wohnungen: An der Röblingstraße entsteht ein neues Quartier
  • Alles muss raus: Lässt sich das Ende von Karstadt auf dem Tempelhofer Damm noch aufhalten?
  • Das Online-Tagebuch der Johanna-Eck-Schule: Noch sind die Handwerker im Haus
  • Kein Platz für Open-Air-Partys: Bezirk hält Grünflächen für ungeeignet
  • Handball in Lichtenrade: Auf einmal gibt es zwei Vereine
  • Nichts wie hinterher: So verfolgte Michael Cramer einen Fahrraddieb