Nachbarschaft
Veröffentlicht am 20.10.2020 von Sigrid Kneist
Die Freiheitsglocke im Rathaus Schöneberg. Sie erklang vor 70 Jahren zum ersten Mal.
Zehn Tonnen ist die berühmteste Glocke Berlins schwer, ihr Klang über die Stadt hinaus bekannt. Am 24. Oktober 1950, ertönte das Geläut der Freiheitsglocke im Turm des Rathauses Schöneberg zum ersten Mal. Millionen Amerikaner hatten die Glocke, eine Nachbildung der Liberty Bell in Philadelphia, mit Spenden finanziert. Sie war durch etliche amerikanische Bundesstaaten nach West-Berlin transportiert worden – in die Inselstadt der Freiheit innerhalb der Unfreiheit hinter dem Eisernen Vorhang. Am 21. Oktober vor 70 Jahren traf sie am Rathaus Schöneberg ein und wurde in den Turm hochgezogen. Der von den Amerikanern ausgerufene „Kreuzzug für die Freiheit“ – initiiert von dem Begründer der Luftbrücke und Vorsitzenden des nationalen Komitees für ein Freies Europa, General Lucius D. Clay – bedeutete den Kampf gegen den Kommunismus.
Gemeinsam mit den Klassenkameraden. Mitten in der Menschenmenge auf dem Rathausvorplatz stand am Tag der Glockenweihe die damals zwölfjährige Ingrid Menet. Die gebürtige Wilmersdorferin war mit ihrer Klasse an diesem Dienstag zum Rathaus Schöneberg gekommen. „Wir standen etwas links, auf der Seite zum Volkspark hin“, erinnert sie sich. Für sie war es ein höchst eindrucksvolles Erlebnis. Bei den Rednern hat sie vor allem den Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter in Erinnerung. Dieser hatte zwei Jahre zuvor bei einer Rede vor dem Reichstag die berühmt gewordenen Worte gesprochen: „Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt!“ Ingrid Menet hat das Veranstaltungsprogramm seither gehütet. Dieses dokumentiert, welche weltpolitische Bedeutung das Ereignis hatte. „Die ersten Klänge der Glocke werden von den Rundfunksendern Europas und der Vereinigten Staaten, auch von dem Sender „Freies Europa“ übertragen“, heißt es.
Keine Rede des Kanzlers. Auf der Ehrentribüne saßen damals die höchsten Vertreter der West-Alliierten aber auch deutsche Politiker – Bundesminister, Ministerpräsidenten und natürlich Bundeskanzler Konrad Adenauer. Dieser stand vermutlich aufgrund des West-Berliner Sonderstatus’ nicht auf der Rednerliste; er konnte erst am Abend bei einem Empfang in einem Steglitzer Hotel das Wort ergreifen und den West-Alliierten danken.
Für die Freiheit. „Welche Macht hat die Vertreter so vieler Länder in diese Stadt geführt, die vielen von uns vor wenigen Jahren noch eine feindliche Hauptstadt war? Irgendein neuer Impuls muss hier am Werke sein, der freie Menschen vereint, die so der Freiheit huldigen. Dieser Impuls findet seinen Ausdruck im Kreuzzug für die Freiheit, der nun Berlin – hundert Meilen hinter der Linie, an der die Freiheit endet – erreicht hat“, zitierte der Tagesspiegel damals aus der Rede des amerikanischen Stadtkommandanten Maxwell D. Taylor. „In den bitteren Jahren von 1945 bis heute haben die Berliner die Geißeln der Roten Armee, die Entbehrungen der Blockade und die ständige Feindseligkeit des Kommunismus kennengelernt. Diese schweren Jahre haben Berlin die Anerkennung als das Symbol demokratischen Widerstandes gebracht.“
Um Punkt zwölf läutete General Clay die Glocke ein. Seitdem erklingt sie jeden Tag um diese Uhrzeit. Während des Kalten Kriegs sendete der von den Amerikanern gegründete Rundfunksender RIAS täglich ihren Klang. Die Tradition führt das Deutschlandradio Kultur bis heute fort – allerdings nur noch sonntags. Das Geläut wird begleitet von dem Friedensschwur: „Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde jedes einzelnen Menschen. Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde.“
An ihrer Symbolhaftigkeit hat die Glocke nichts eingebüßt. Auch für heutige Politiker ist der Klang von Bedeutung. Für den CDU-Bundestagsabgeordneten Jan-Marco Luczak ist die Glocke „eine fortwährende Mahnung, immer und überall auf der Welt für eine freiheitliche Gesellschaftsordnung einzutreten. Die Forderung nach Achtung von Freiheit, menschlicher Würde und der Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz hat auch heute nichts an Aktualität verloren.“ Die SPD-Abgeordnete Mechthild Rawert sagt: „Die Freiheitsglocke ist für mich gleichermaßen Mahnung als auch Ausdruck von Dankbarkeit für Versöhnung und Freundschaft zwischen Bürger*innen diesseits und jenseits des Atlantiks. Es lebe die Freiheit und die Demokratie.“
Vertrauter Klang. Viele Schöneberger sind so an den täglichen Schlag der Glocke gewöhnt, dass es ihnen sofort auffällt, wenn sie nicht erklingt. So war es für einige Monate im Jahr 2001 – und in diesem Frühjahr. Anfang April war sie auf einmal stumm. Mechanische Bauteile waren verschlissen. Die Reparatur zog sich einige Wochen hin. Die Sozialdemokratin Angelika Schöttler, Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg, ist unweit des Rathauses aufgewachsen und erlebte die Glocke ihr Leben lang, wie sie sagt. „Der Wunsch nach Freiheit und Frieden, den 16 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner in den Freiheitsrollen deklariert haben, hat bis heute mein politisches Denken geprägt“, sagt Schöttler. „Dadurch ist es für mich etwas Besonderes, im historisch so wichtigen Rathaus Schöneberg als Bezirksbürgermeisterin zu arbeiten.“
Als Abgeordnete im Rathaus. Einige Jahre lang war das Rathaus auch der Arbeitsplatz der heutigen Grünen-Bundestagsabgeordneten Renate Künast. Sie war 1985 ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt worden, das damals in Schöneberg tagte. Dort hatten auch die Verbindungsoffiziere der West-Alliierten ihr Büro. „Da hat mich die Freiheitsglocke jeden Tag Punkt Zwölf daran erinnert, dass die Stadt ummauert ist. Ihr Läuten war wie ein Hinweis, dass die West-Alliierten solidarisch zu dieser Stadt stehen und damit auch die Frage nach der Deutschen Einheit offen bleibt”, sagt Künast. „Deshalb war der Klang schon irgendwie erhebend.“ Foto: Imago
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