Nachbarschaft

Veröffentlicht am 17.11.2020 von Joana Nietfeld

Angelika und Michael Klemp in ihrem Garten. Sie tragen ein Kreuz mit der Hausnummer ihrer Parzelle.

Wo mal Sommerflieder und Lilien wuchsen, klaffen jetzt Löcher aus der Erde. An den Rändern vom schmalen Betonweg, der zur Gartenlaube führt, sprießt Unkraut. „Das hat es hier früher nicht gegeben“, sagt Angelika Klemp. Aber nun wisse sie nicht mehr, wofür sie das noch wegmachen solle. Sie und ihr Mann Michael Klemp sind zwei der 63 Laubenbesitzer*innen, die ihren Kleingarten in der Kolonie Morgengrauen zum 30. November aufgeben müssen. Auf dem Gelände soll eine Sekundarschule gebaut werden.

„Das hier alles zu verlassen ist schwer“, sagt Angelika Klemp. Sie saß im Sommer gerne vor dem Haus in der Sonne und strickte. 38 Jahre hatten sie die Laube, ihre Kinder und Enkelkinder wuchsen hier auf. Doch im August kam der Schätzer und Ende Oktober, am „Wochenende der offenen Gärten“, die Familien und Hobbygärtner*innen, die die letzten Pflanzen mitnahmen und dafür ein bisschen Geld in einer Kaffeekasse ließen. Jetzt müssen die Erinnerungen aus den vergangenen Jahren die Bilder von den kargen Beeten überdauern. Die Klemps werden nicht weitermachen. Das Angebot, eine andere Laube in einer anderen Kolonie zu beziehen, haben sie abgelehnt. „Aus gesundheitlichen Gründen“, sagt Michael Klemp. Bis ein Garten sprießt, wie dieser es einmal getan hat, brauche es viel Zeit und Mühe – und Geld, weiß Angelika Klemp. Die Klemps werden 6744,41 Euro als Entschädigung erhalten – sie hatten die Laube 1982 für 15.000 DM gekauft.

Im Herbst 2021 sollen die Walzen kommen und die Parzellen plattmachen. „Ich frage mich, warum wir dann jetzt schon rausmüssen“, sagt Angelika Klemp. Auf der Internetseite der CDU-Fraktion ist zu lesen, dass frühestens im zweiten Quartal 2023 mit dem Schulbau begonnen werden soll, nach den Abrissarbeiten müsse erst noch der Boden auf dem Areal ausgetauscht werden. „Wir wurden durch eine Einladung zu einer Informationsveranstaltung des Bezirksamtes Tempelhof am 7. Februar 2020 mündlich über die Kündigung informiert“, sagt Michael Klemp. Danach seien bis Ende Juni keine weiteren Fragen zur Räumung beantwortet worden. Nicht vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg – und auch nicht vom Bezirksverband der Kleingärtner e.V., die als Verpächter den Unterpächtern übergeordnet sind. Da der Informationsfluss so schwergängig war, hat Michael Klemp eine Internetseite eingerichtet, auf der er alles dokumentiert hat. „Das kann dann anderen helfen, die in der gleichen Lage sind. Damit die schon mal wissen wie das abläuft“, sagt er.

Dass noch andere Kleingärten im Bezirk geräumt werden, ist jetzt schon klar: „In Anspruch genommen werden sollen die Kolonien „Friede und Arbeit“ und „Germania“ für das Projekt „Neue Mitte Tempelhof“, sagt Bezirksstadtrat Jörn Oltmann (Grüne) am Mittwoch während der Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Die Kleingärten würden nur deshalb in Anspruch genommen werden, weil keine anderen landeseigenen Flächen zur Verfügung stünden. Dass die Kolonie Morgengrauen der Stadt als „Schulersatzgelände“ zur Verfügung steht, wussten die Klemps seit Vertragsunterzeichnung 1982. Die Wehmut bleibt dennoch – und der Trotz auch. Deshalb wollen sie und die anderen Kleingärtner*innen am 22. November, am Totensonntag, ihre Lauben symbolisch zu Grabe tragen. Ein Jahr vor dem 100. Geburtstag der Kolonie.

Foto: Joana Nietfeld

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