Nachbarschaft

Veröffentlicht am 01.12.2020 von Sigrid Kneist

Oma Hedel ist Deutschlands wohl älteste Instagram-Oma. Und sie lebt in unserem Bezirk, in Friedenau. Im Oktober feierte sie ihren 100. Geburtstag, der 10.000. Follower folgte ein paar Wochen später. Mittlerweile folgen ihr schon mehr als 11.000 Leute auf Instagram und lieben die Bilder aus ihrer Wohnung, vom Hertha-Spiel oder auch mal dem Ostsee-Strand. Bei der modernen Technik bekommt sie aber Hilfe aus der Familie: Den Account verwaltet Enkelin Gina. Wir haben mit Oma Hedel ein Interview per Instagram geführt.

Frau Hedel, was hat Sie nach Friedenau verschlagen? Ich bin in Thüringen geboren und aufgewachsen und lebte dort bis zu meinem 30. Lebensjahr. Für die Arbeit bin ich dann nach Berlin gezogen und habe zunächst im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus in Wilmersdorf gearbeitet und gewohnt. Unmittelbar nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 hatten mein Mann und ich das große Glück, direkt am Walter-Schreiber-Platz eine wunderschöne fünf-Zimmer-Wohnung zu bekommen. Dort habe ich über 60 Jahre gelebt. Jetzt wohne ich in der Nähe vom S-Bahnhof Friedenau und auch hier gefällt es mir sehr gut.

Was ist heute Ihr Lieblingsort im Kiez? Ich sitze sehr gerne mit meiner Familie im Sommer draußen am S-Bahnhof im S-Café und gucke dort dem Treiben zu. Mit einem Aperol in der Hand und Sonne im Gesicht geht es einem gleich viel besser.

In Friedenau haben ja viele bekannte Menschen gelebt, auch Schriftsteller. Haben Sie jemals einen Promi im Kiez kennen gelernt? Leider nicht, allerdings macht mein Sohn oft Führungen mit mir durch Friedenau. Er ist da sehr belesen und zeigt mir immer, wo welche berühmten Personen gewohnt haben und was sie ausgezeichnet hat (z.B. Erich Kästner und Günter Grass in der Niedstraße, oder Herta Müller in der Rembrandtstraße im benachbarten Schöneberg).

Was würden Sie gerne in Friedenau ändern, wenn Sie könnten? Ich fühle mich sehr wohl in Friedenau und habe nichts zu kritisieren. Ich würde mir allerdings mehr abgesenkte Bordsteine wünschen. Da wir sehr oft mit dem Rollstuhl unterwegs sind, wäre das um einiges komfortabler. Und in einigen Restaurants wäre mehr Barrierefreiheit wünschenswert.

Wie lebt es sich als Influencer-Oma? Haben Sie schon einen Ihrer Instagram-Fans persönlich kennen gelernt? Ja, mich hat tatsächlich schon mal jemand erkannt. Wir waren mit der Familie beim Erntedankfest in der Domäne Dahlem und plötzlich ruft jemand „Das ist doch Oma Hedel!“. Ich habe mich gefreut und Hallo gesagt. Am meisten Spaß macht es mir so viele Dinge zu erleben und dabei schöne Fotos zu machen. Das sind tolle Erinnerungen und ich freue mich, wenn ich schick aussehe. Ich bin auch immer ganz sprachlos, was die Menschen für nette Sachen über mich sagen. Ich kann das immer gar nicht glauben und rührt mich sehr.

Die Fragen stellte Judith Langowski.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-s.kneist@tagesspiegel.de

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