Nachbarschaft
Veröffentlicht am 15.12.2020 von Sophie Rosenfeld
„Pflanze zehn Bäume, indem du ein Shirt kaufst!“, heißt es bei Juri Bollweg und seinem kleinen Schöneberger Modelabel „JB-030“. Als Kind der 90er, geboren in Berlin, schätzt er die zahlreichen Möglichkeiten – hier und in ganz Europa – etwas Konstruktives aus uns selbst und unserer Umgebung machen zu können.
Vor zwei Jahren kam ihm die Idee: nachhaltige Mode mit Spendenaktionen verbinden. Seitdem geht ein Teil der Verkaufserlöse an gemeinnützige Organisationen, insbesondere an Aufforstungsprogramme. Im Frühling entschloss er sich, pandemiebedingt seine Produkte noch stärker als Spendenmedium zu nutzen: Er gibt seinen Kunden nun die Chance, auch Gastronomie und Clubszene zu unterstützen. Dabei wird seit April die komplette Gewinnmarge – von der Baumspende abgesehen – an Lokale gespendet.
Vor allem in diesem Jahr zählen Durchhaltevermögen und Mut. Was hat dich motiviert, an der Sache dranzubleiben? Anfangs die Unterstützung von Freunden. In diesem Jahr dann vor allem der Druck, den die Pandemie auf diverse Lokale ausgeübt hat. Dieser Zeitdruck istbedauerlicherweise für viele etwas greifbarer, als der vermeintlich geringere Zeitdruck, den wir durch den Klimawandel verspüren. Daher möchte ich mich langfristig noch stärker an Aufforstungsprogammen beteiligen. Derzeit werden bei mir für einen verkauften Artikel zehn Bäume gepflanzt – da geht noch mehr!
Gibt esse Auswertungen, was die bisher gepflanzten Bäume schon jetzt für unser Klima tun? Da mein Label recht klein ist und bis jetzt erst 500 Euro in Aufforstungsprojekte geflossen sind, tragen wir auf globaler Ebene alleine natürlich nicht viel bei. Daher wünsche ich mir auch von größeren Unternehmen, dass sie einen Teil ihrer Gewinne für den Klimaschutz einsetzten — und zwar weit über das Greenwashing hinaus. In kleineren Maßstäben sehe ich aber tatsächlich Auswirkungen meiner Arbeit, da regelmäßig Satellitenbilder von den Aufforstungsprojekten veröffentlicht werden.
Was unterscheidet deiner Meinung nach junge Klimaschützer von der älteren Generation? Die ältere Generation hat sich über die letzten Jahrzehnte bereits an viele Privilegien gewöhnt, von denen sie nun Schwierigkeiten hat, abzukommen. Damit meine ich beispielsweise den Fleischkonsum oder die Fliegerei. Die jüngere Generation hat dagegen den Vorteil, dass falls überhaupt Gewohnheiten vorhanden sind, diese auch wieder schneller abgelegt werden können. Dabei steigert die höhere restliche Lebenszeit von uns Jungen natürlich auch unsere Motivation, noch mehr für den Klimaschutz machen zu wollen.
Wie passt die Kurzlebigkeit der Modewelt mit dem nachhaltigen Bäumepflanzen zusammen? In meinen Augen noch nicht so viel. Aber seit einigen Jahren setzen die Verbraucher glücklicherweise verstärkt auf nachhaltige Produkte. Daher versuchen Labels wie meins, die Kleidung so langlebig wie möglich zu gestalten. Die Baumspende sehe ich dabei für mein Label daher auch eher als Co2-Ausgleich für Produktion und Versand. Denn am nachhaltigsten ist es nach wie vor, gar nicht erst etwas Neues zu kaufen.
Bald ist Weihnachten, gibt es bei dir einen echten Tannenbaum? Tatsächlich gibt es keinen, aber das heißt nicht, dass ich sonst alles perfekt vorlebe. 30 Millionen Tannenbäume für Deutschland klingen halt unverhältnismäßig viel, wenn man weiß, dass man es selbst nur mit Mühen geschafft hat, im selben Jahr durch Geldspenden 2000 Bäume in Afrika – hauptsächlich in Tansania und Senegal – pflanzen zu lassen.
Fragen: Sophie Rosenfeld, Foto: Constantin Back
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