Nachbarschaft

Veröffentlicht am 26.01.2021 von Sigrid Kneist

Dora Gerson,  Schauspielerin, Kabarettistin, Sängerin, ermordet 1943 in Auschwitz (Foto: privat)

An diesem Mittwoch vor genau 76 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz von der Roten Armee befreit. Seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland offizieller „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“. Auch die Schauspielerin, Sängerin und Kabarettistin Dora Gerson und ihre Familie wurden in Auschwitz ermordet. An sie erinnert ein Video der Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ im Schöneberger Rathaus, die die Schicksale der jüdischen Menschen im Bezirk dokumentiert.

Dora Gerson wurde 1899 als Kind jüdisch-polnischer Eltern in Berlin geboren. Sie besuchte die Schauspielschule des Deutschen Theaters von Max Reinhardt. Zunächst arbeitete sie beim Stummfilm, 1920 in zwei Karl-May-Verfilmungen. 1921 ging sie ans Theater, an die Volksbühne, auch an die Piscator-Bühne am Nollendorfplatz, heute bekannt als Metropol. Im Jahr 1922 heiratete sie ihren Schauspielerkollegen Veit Harlan; die Ehe hielt nur zwei Jahre. Harlan machte später in der Nazizeit Karriere als Schauspieler und Regisseur. 1940 führte er Regie in dem antisemitischen Hetzfilm „Jud Süß“ und in dem Durchhalteepos „Kolberg“, das bis 1944 gedreht wurde. Gerson spielte in Theatern mit einem eher links-liberalen Programm.

1931 wurde Gerson Mitglied im Kabarett Katakombe, für das Werner Finck die Moderation machte. Nur ein Jahr später erlebte sie massive antisemitische Anfeindungen nach einem Auftritt. Mit der Machtübernahme der Nazis wurde es für sie als jüdische Schauspielerin immer schwieriger; Bühnen mussten schließen, die Repressionen nahmen zu. Schon zuvor war sie bei einem Gastspiel in den Niederlanden gewesen, dort blieb sie jetzt länger.

Keine Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis. 1934 wurde sie zum Star des deutsch-jüdischen Exil-Cabarets Ping-Pong, das sie gemeinsam mit Erwin Parker and Kurt Egon Wolff gegründet hatte. Mit diesem gastierte sie auch in Zürich. Die Kabarettgruppe sollte sich dort nicht explizit zur politischen Situation in Deutschland äußern, dennoch formulierte sie: „Wir sind gegen jeden, der Kriegskarten mischt. Giftgas ist Giftgas.“ Die Äußerung war wahrscheinlich ausschlaggebend dafür, dass die Aufenthaltserlaubnis in der Schweiz nicht verlängert wurde. Daraufhin ging Gerson wieder in die Niederlande.

Abschied von Berlin. 1936 gab es einen letzten Aufenthalt in Berlin und einen Auftritt beim Jüdischen Kulturbund. Im selben Jahr heiratete sie in den Niederlanden den Textilfabrikanten Max Sluizer; 1937 kam die Tochter Miriam zur Welt, kurz nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Niederlande der Sohn Abel Juda. Als sich die Situation dort verschlimmerte, bat sie sogar ihren Ex-Mann Veit Harlan um Hilfe, um die dieser sich aber nicht bemühte, auch wenn er vielleicht Einfluss hätte nehmen können.

Entdeckt und deportiert. 1942 versuchte die vierköpfige Familie über Frankreich in die Schweiz zu flüchten. Dora Gerson weigerte sich, ihrer Tochter ein Beruhigungsmittel zu geben, so steht es auf der Internetseite joodsmonument.nl, auf der der ermordeten Juden der Niederlande gedacht wird. Vermutlich durch das Weinen des Kindes wurden sie an der Grenze entdeckt und gefasst. Alle vier kamen in Frankreich in das Internierungslager Drancy. Am 14. Februar 1943 wurden sie mit dem 47. Transport nach Auschwitz-Birkenau verschleppt, wo sie ermordet wurden.

  • Die Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ ist derzeit aufgrund der Pandemie geschlossen. Informationen über die Ausstellung und einige Kurzbiografien finden Sie auf der Website: wirwarennachbarn.de
  • Das Video über Dora Gerson können Sie hier sehen: youtube.com

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-s.kneist@tagesspiegel.de

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