Nachbarschaft

Veröffentlicht am 27.04.2021 von Sigrid Kneist

Drea Berg, Landschaftsarchitektin, Mariendorf

Erste Schließungsdebatte. 1993 studierte Drea Berg an der damaligen Technischen Fachhochschule Berlin Landschaftspflege. Als sich ihr Studium dem Ende näherte, überlegte Berg, welches Thema sich für eine Dipomarbeit eignen würde. Zu der Zeit diskutierte die Stadt darüber, ob denn nicht der Flughafen Tempelhof geschlossen werden sollte. Die SPD war dafür, die Alternative Liste, der Berliner Ableger der Grünen, ebenfalls. Und auch Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer (CDU) befürwortete eine schnelle Schließung: Seine Verwaltung hatte schon „eine städtebauliche Perspektive“ entwickelt, wie der Tagesspiegel damals schrieb: „Auf den vier Millionen Quadratmetern sollen im Westen Wohnungen und Verwaltungsgebäude für den Bezirk Tempelhof entstehen, im Zentrum soll sich ein großer Park ausdehnen, der etwa ein Drittel der Gesamtfläche einnehmen wird. An seinem Ostrand ist eine weitere Wohnsiedlung geplant, und im Süden will die Verwaltung kleinere, umweltfreundliche Gewerbebetriebe ansiedeln.“ Möglichst Ende 1995 sollte der Flughafen schließen.

Wie könnte man das Areal aus Sicht der Landespflege gestalten? Eine Frage, die Berg reizte; sie hatte ihr Diplomarbeitsthema gefunden. „Das Thema hat mich richtig angesprungen“, sagt Berg. Das Tempelhofer Feld habe immer so viel mit ihrem Leben zu tun gehabt. Südlich von dem Gelände sei sie zur Schule gegangen, westlich davon lebte die Großmutter, östlich war der Volleyballverein, und im Norden arbeitete der Ex-Mann. 1994 reichte sie ihre Diplomarbeit ein.

Das waren ihre Ideen. Bei der Planung für die Diplomarbeit ging auch Berg davon aus, dass das Innere auf keinen Fall bebaut werden dürfe. Sie wollte eine kreisrunde Fläche als Park erhalten. In dessen Mitte sollte ein kleines Wäldchen mit grünen Laubbäumen in Form eines Flugzeuges angelegt werden. Drum herum wollte sie einen Kreis mit rotblättrigen Bäumen pflanzen, vom Flughafengebäude im Nordwesten aus wollte sie eine Diagonale ebenfalls aus rotblättrigen Bäumen Richtung Südosten ziehen – so dass es letztlich einem Straßenschild „Flugzeuge verboten“ ähnelt. Hier können Sie es auf ihrem damaligen Plan sehen.

Start- und Landebahnen gab es auf ihrem Plan nicht mehr. Die Bebauung entlang dem Tempelhofer Damm führte sie in der gleichen Tiefe fort. Auf der östlichen, der Neuköllner Seite wurde die Wohnblockbebauung weiter auf das Flughafengelände ausgedehnt. Auch an Kitas und Schulen dachte sie damals. Sportanlagen, die sich in ganz frühen Jahren am Feld entlanggezogen hatten, verlegte Berg auf das südöstliche Areal. Das gesamte Flughafengelände kannte sie nur vom Augenschein her – durch den Zaun. Dort war sie auch auf die Idee mit dem Straßenschilde gekommen. Damals gab es im Schillerkiez etwa die dreieckigen Schilder, die vor dem Flugverkehr warnten.

Dass die Geschichte anders verlief, ein solcher Schließungsbeschluss erst einmal nicht getroffen, der Flughafenbetrieb mitnichten 1995 eingestellt wurde, sondern erst 13 Jahre später, konnte sie damals nicht ahnen. Und dass zwei Volksentscheide über die Zukunft des Areals folgen würden und selbst heute – knapp 30 Jahre später – immer noch darüber diskutiert wird, was mit dem Tempelhofer Feld geschehen soll, hätte sie sich wahrscheinlich ebenfalls nicht vorstellen können.

Volksentscheide 1 und 2. Im Jahr 2008 ging es zunächst um die Frage, ob der Flughafen weiter in Betrieb bleiben sollte; der Volksentscheid war nicht erfolgreich, fand nicht das notwendige Quorum von 25 Prozent aller Wahlberechtigten. Auch Berg stimmte für den Weiterbetrieb. Sie dachte damals, dass der innerstädtische Flughafen vielleicht doch erhalten bleiben sollte. Nachdem aber dort die letzten Flugzeuge Ende Oktober desselben Jahres gelandet und gestartet waren und das Gelände anschließend allmählich für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, entdeckte sie das Geländer erst richtig, erfasste auch die Dimensionen. Beim zweiten Volksentscheid 2014, als es um die (Nicht-)Bebauung des Feldes ging, stimmte sie erneut ab. „Ich war damals nicht gegen eine Bebauung per se“, sagt Berg, „aber gegen die Pläne des Senats.“

Und sie stimmte dagegen: Beispielsweise sei die geplante Bebauung entlang der S-Bahn völlig widersinnig gewesen; hier brauche man eine Freifläche, damit sich die Kaltluft verteilen könne. Und dass alleine sechs Hektar Fläche dem Straßenbau zum Opfer fallen sollte,  fand sie indiskutabel. Am meisten entsetzt sie bis heute, dass dort, wo einst in den Kriegsjahren die Zwangsarbeiterlager waren, Wohngebiete entstehen sollten.

Offene Flächen sind rar. „Mit der Bebauung des Tempelhofer Feldes wird man die Wohnungsprobleme der Stadt nicht lösen können“, sagt Drea Berg. Und auch wenn für Unwissende das Gelände so aussehe, als sei dort nichts, habe es einen wichtigen ökologischen Wert für die Stadt.

Foto: privat

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