Nachbarschaft

Veröffentlicht am 08.06.2021 von Sigrid Kneist

Stefan Gammelien, Mariendorf, passionierter Radfahrer, engagiert beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC).

Der Mariendorfer muss tagsüber nur von seinem Balkon aus auf die Rathausstraße blicken; dann sieht Gammelien schon, woran es in der Verkehrspolitik hapert: Die Autos reihen sich aneinander, eine vernünftige Radinfrastruktur fehlt. Damit sich dieses ändert und das Radfahren in der Stadt sicherer wird, engagiert sich der 58-ährige studierte Skandinavist und Historiker im ADFC in der Stadtteilgruppe Tempelhof. Diese betreut die Ortsteile Tempelhof, Mariendorf, Marienfelde und Lichtenrade.

Stiefkind im Südwesten. Klar abgehängt sieht Gammelien vor allem Marienfelde. Die Interessen dieses Ortsteils würden eher vernachlässigt als jene in den Innenstadtbereichen, sagt Gammelien. Dass auch hier schon seit Langem mehr für Radfahrer getan werden müsse, sei immer wieder in Vergessenheit geraten. Genau dem möchten der ADFC und das Netzwerk Fahrradfreundliches Tempelhof-Schöneberg an diesem Freitag mit einer Fahrraddemo entgegenwirken und damit der Forderung nach einer Radspur auf der Marienfelder Allee Nachdruck verleihen. Pläne dafür lägen schon seit 2914 in der Schublade in der Senatsverkehrsverwaltung. Die Marienfelder Allee ist als  Bundesstraße 101 mit täglich rund 18.000 Kraftfahrzeugen und viel Schwerlastverkehr schwer belastet.

Eine besonders gefährliche Ecke. Diese befindet sich an der Marienfelder Allee/Daimlerstraße. Über diesen Abschnitt mit der Überführung wird seit Jahren immer wieder diskutiert. Sie gilt als klassisches Beispiel dafür, wie Verkehrsplanung der Idee der autogerechten Stadt folgte. Belange von Radfahrern und Fußgängern sind zweitrangig. Vor drei Jahren verunglückte dort ein alter Mann mit seinem Rad tödlich. Er war wegen der gefährlichen und unübersichtlichen Situation  auf dem Gehweg gefahren und bei einem Ausweichmanöver mit einem anderen Radfahrer gestürzt. Dabei hatte er sich tödliche Verletzungen zugezogen. An derselben Stelle hatte es vorher schon einmal einen tödlichen Raserunfall gegeben, bei dem der Insasse eines Autos ums Leben gekommen war. Derzeit wird in dem Bereich gebaut – aber nicht wegen besserer Radwege, sondern wegen Vorbereitungen für die Dresdner Bahn. „Kinder lässt man dort nicht fahren“, sagt Gammelien.

Die Demoroute. Sie führt am Freitagnachmittag um 17 Uhr von Alt-Mariendorf über die Großbeerenstraße, Marienfelder Allee bis zum Nahmitzer Damm, dann wieder zurück und über Alt-Mariendorf auf dem Mariendorfer und Tempelhofer Damm bis zum Rathaus Tempelhof. Dort gibt es jetzt seit Mitte April eine Bus-/Radspur, die vorerst – wie hier mehrfach berichtet – provisorisch angelegt ist. Wenn die Arbeiten an der U6 im Oktober beendet sind, sollen dort dauerhafte, geschützte Radspuren entstehen. „Das hätten wir uns lange gar nicht vorstellen können, dort auf einem Radweg zu fahren“, sagt Gammelien. Bei dieser Demonstration sei auch wichtig zu zeigen, dass man nicht hoffnungslos sein soll, sondern dass es auch vorangeht, „auch wenn das dicke Brett hier noch nicht richtig gebohrt ist“.

Nicht ohne Lautsprecher. Eine Fahrraddemo will nicht nur gesehen, sondern auch gehört werden. Den dazu notwendigen Lautsprecher wird der Radaktivist auf dem vorderen Gepäckträger seines Rades transportieren. Rund 750 Kilometer ist Gammelien mit seinem Fahrrad im Monat unterwegs. Ihm ist wichtig, auf seinem Tourenrad mit extrabreiten Reifen auch einiges transportieren zu können, etwa Zelt, Kocher und Gepäck für die Sommertouren. Als er einmal einen Sessel in einem geliehenen Auto transportieren wollte,  stellte er fest, dass das sperrige Möbelstück dort gar nicht hineinpasste. Die Lösung: Er lieht sich ein Lastenrad und brachte den Sessel so nach Hause. Auf die Optik kommt es ihm nicht an. Das wäre auch nicht unbedingt ratsam. Denn schon zwölf Mal hat er es in Berlin erleben müssen, dass ein Fahrrad gestohlen wurde. – Foto: privat

  • Infos zum Netzwerk Fahrradfreundliches Tempelhof-Schöneberg finden Sie hier: rad-ts.de und zum ADFC Tempelhof  hier: adfc-berlin.de

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-s.kneist@tagesspiegel.de

+++ Das ist ein Ausschnitt aus unserem Newsletter Tempelhof-Schöneberg. Jeden Dienstag kostenlos: leute.tagesspiegel.de

+++ Die Themen der Woche:

  • Demo in Friedenau: Gegen den Hass auf Juden
  • Wohin mit dem Auto: Diskussion um die Parkraumbewirtschaftung
  • Orgel in der Glaubenskirche wird saniert: Das Geheimnis der vierten Pfeife von rechts
  • Engagierte Anträge: Die Arbeit des Kinder- und Jugendparlaments
  • Hier wird Kultur gebraut: Alte Mälzerei wird eröffnet