Nachbarschaft

Veröffentlicht am 10.08.2021 von Sigrid Kneist

Die Firma Roka in Marienfelde

Eigentlich hat Rosemarie Reinsch in den fünfziger Jahren andere Berufspläne, sie möchte Gewerbelehrerin werden. Eine Ausbildung beim Lette-Verein hat sie absolviert. Schließlich steigt sie doch beim Familienunternehmen “Robert Karst” ein – Markenname Roka. “Denn mein Vater sagte: Wozu habe ich das Unternehmen nach 1945 wieder aufgebaut, wenn du es nicht übernimmst?”, sagt die heute 81-Jährige. Sie beginnt also im April 1959, in der 1901 gegründeten Firma mitzuarbeiten. Und viel schneller als gedacht, muss sie die Leitung des gesamten Betriebs mit damals rund 400 Beschäftigten übernehmen. Der Vater erleidet im Oktober 1960 bei einer Betriebsversammlung einen Herzinfarkt und verstirbt an den Folgen. “Nur wenige Tage später stand ich dann vor den Männern und sagte, dass ich jetzt weitermachen werde.” Damals ist sie 21 Jahre alt und “noch Fräulein”, wie sie sagt, da noch nicht verheiratet. Zu jener Zeit liegt der Standort des Unternehmens in Kreuzberg, seit einigen Jahren ist der Firmensitz im Gewerbegebiet an der Motzener Straße in Marienfelde. 

Drei Familienmitglieder an der Spitze. Inzwischen ist Rosemarie Reinsch seit 62 Jahren in dem Unternehmen aktiv. Sie gehört neben ihrem Schwiegersohn Frank Förster und ihrem Enkel Marcel Förster zur dreiköpfigen Geschäftsführung von “Roka”. Das Unternehmen besteht jetzt seit 120 Jahren und ist seit fünf Generationen in der Hand der Familie. Der heute 28-jährige Marcel Förster ist nur wenig älter als seine Großmutter damals, als er 2015 nach einem dualen Studium an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht ins Management des Familienunternehmens einsteigt. Inzwischen ist der junge Geschäftsführer auch in den Vorständen von Unternehmensinitiativen aktiv – im Unternehmensnetzwerk Motzener Straße oder im Verband der Familienunternehmer.

Zwischen den Generationen. Rosemarie Reinsch ist das Bindeglied zwischen den fünf Generationen. Sie hat den Gründer Robert Karst zwar nicht mehr bewusst kennengelernt. Aber bei ihrer Taufe im Jahr 1939 sieht der Firmengründer, wie seine Enkelin mit den Fingern spielt und ist sich sicher: Die kleine Rosemarie zählt schon und wird später gut mit Zahlen umgehen können. So heißt es bereits damals in der Familie, und so soll es denn auch wirklich sein: Reinsch wird zuständig für das Kaufmännische im Unternehmen.

Der Beginn. Am 22. Juli 1901 meldet der Kaufmann Robert Karst einen Großhandel für Metallwaren an. In der Alten Jakobstraße in Kreuzberg wird eine Produktion für Stahl- und Metallwaren aufgebaut. In den zwanziger Jahren – mit Aufkommen des Radios – entdeckt das Unternehmen neue Möglichkeiten. Es spezialisiert sich auf die Entwicklung und Produktion von Bauteilen und Zubehör. Das Warenzeichen Roka aus den jeweils ersten beiden Buchstaben des Vor- und Nachnamens wird angemeldet. In den dreißiger Jahren ist “Roka-Pikkolo. Der kleinste Radioapparat der Welt”! Der Wochenend-Ausflug- und Heim-Empfänger” ein wichtiges Produkt der Firma. Das Miniradio ist ungefähr so groß wie eine Streichholzschachtel und kostet seinerzeit 2,25 Reichsmark. 

Die Entwicklung. Das Unternehmen expandiert. Zum Standort in der Alten Jakobstraße kommt noch eine Produktionsstätte in der Alexandrinenstraße, ebenfalls in Kreuzberg. Bei dem schweren Bombenangriff vom 3. Februar 1945 werden beide Standorte zerstört. Beschäftigte kommen nicht ums Leben; nur das firmeneigene Pferd stirbt in den Flammen. An diesem Tag wirft die US-Airforce mehr als 2000 Tonnen Bomben über Kreuzberg und Mitte ab. Mehrere tausend Menschen sterben an dem Tag; Zehntausende verlieren ihr Zuhause. 

Der Wiederaufbau. Noch 1945 beginnt wieder die Produktion – zunächst im dritten Stock eines Fabrikgebäudes an der Gneisenaustraße. Bei dem Bombenangriff nicht beschädigte Geräte und Apparate werden dort aufgebaut. 1949 ist Roka bei der ersten Hannover-Messe vertreten. Das Unternehmen entwickelt eine besondere Kabelschelle, lässt sich diese patentieren und steigt mit der Produktion von Antennen wieder ins Radio- und Unterhaltungselektronikgeschäft ein. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte kommen Schaltbuchsen, Steckverbinder und ähnliche wichtige Zubehörteile hinzu. Der Standort Gneisenaustraße wird weiter ausgebaut. Seit den neunziger Jahren arbeitet das Unternehmen als Zulieferbetrieb für die Automobilindustrie. 

Raumprobleme. In Kreuzberg wird es immer enger. 1990 ist Frank Förster in das Unternehmen eingestiegen. Er ist maßgeblich daran beteiligt, dass die Produktion stark expandiert. Schon in den Nullerjahren ist Förster klar, dass das Unternehmen mehr Platz braucht, und macht sich gemeinsam mit seiner vor wenigen Jahren verstorbenen Frau – der Ur-Enkelin des Firmengründers – auf die Suche nach einem zukunftsfähigen Standort für die wachsende Firma. Sie werden in der Motzener Straße fündig. Roka erwirbt ein Grundstück und zieht 2013 nach Marienfelde, kann seine Produktion  ausbauen – und verfügt immer noch über eine Platzreserve. Für die in den heutigen Autos eingebaute Informationselektronik – Navigationsgeräte, Radios oder Kameras – hat das Unternehmen sogenannte Hochfrequenz-Steckverbindungen entwickelt, die eine schnelle Datenübertragung ermöglichen. Es sind nur kleine, wenige Zentimeter große Teile, die aber unerlässlich für den Betrieb dieser Geräte sind. Sie werden millionenfach in aller Welt in den Fahrzeugen verbaut. Das heutige Marienfelder Unternehmen liefert mittlerweile an 40 Automobilhersteller weltweit. Die Maschinen laufen werktags rund um die Uhr. 

Ausweitung der Firma. Inzwischen hat Roka einen weiteren Produktionsstandort in Polen und Vertriebsbüros in Mexiko und China. Marcel Förster lernte deswegen Polnisch und hat auch mit Chinesisch begonnen, um mit seinen Geschäftspartnern zumindest ein wenig in deren Heimatsprache kommunizieren zu können. Der Ur-Ur-Enkel des Firmengründers Robert Karst denkt weit über Marienfelde und Berlin hinaus. roka-berlin.de

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