Nachbarschaft

Veröffentlicht am 01.02.2022 von Sigrid Kneist

Notker Schweikhardt, von 2014 bis 2021 Mitglied der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, ab 2016 als Direktkandidat für Schöneberg-Nord

Vertreibung aus der grünen Oase. In seiner Zeit als Abgeordneter hatte Notker Schweikhardt in den vergangenen fünf Jahren einen eher ungewöhnlichen Standort für sein Bürgerbüro. Dieses hatte er in einem Container in einer Gemeinschaftsgartenanlage direkt an der Grunewaldstraße und dem Kleistpark untergebracht, in der rund 100 Beete bewirtschaftet wurden. Diese grüne Oase existiert jetzt nicht mehr. Die Grundstückseigentümerin wollte das Areal nicht mehr für diese Nutzung zur Verfügung stellen, kündigte den Mietvertrag und fällte in der vergangenen Woche etliche Bäume auf dem Grundstück. Nur einige der großen Pappeln durften stehen bleiben.

Die Geschichte. Seit den Wahlen im September ist Schweikhardt nicht mehr Mitglied im Abgeordnetenhaus. Die Grünen hatten für den Wahlkreis Schöneberg-Nord ihren queerpolitischen Sprecher Sebastian Walter nominiert und nicht mehr Schweikhardt, der vor allem einen kulturpolitischen Schwerpunkt hatte. Der 60-Jährige will das aber nicht alles Misstrauensvotum gegen ihn als Politiker verstanden wissen. In Schöneberg-Nord, zu dem der Regenbogenkiez gehört, hätten die Grünen verständlicherweise jemanden aufstellen wollen, der in dieser Szene verankert ist. Schweikhardt, der weiter bei den Grünen Politik macht, hatte das knapp 1200 Quadratmeter große Grundstück gemietet. Mit einem Vertrag für den Standort seines „Kulturcontainers“ und einem weiteren Vertrag für den Großteil der Fläche, die er zur gärtnerischen Nutzung auf rund 100 Beeten weitervermietete. Das Areal war einst der Kräutergarten des einstigen Botanischen Gartens, der heute der Kleistpark ist.

Das Konzept. „Meine Idee war es, einen gut besuchten Gemeinschaftsgarten zu etablieren. Mit vielen Hochbeeten, vielen Kindern, Kulturveranstaltungen und der Möglichkeit viele Feste zu feiern. Ich wollte ein soziokulturelles Biotop schaffen“, sagt er. Das sei gut in der Nachbarschaft angekommen. „In den fünf Jahren haben etwa 20.000 Menschen den Garten besucht. Knapp 500 Nachbar:innen haben die gut 100 Beete bewirtschaftet, davon etwa 250 Kinder. Zwei Schulen, drei Kitas und ein Schülerladen haben dort gepflanzt und gelehrt. Es wurde im Garten geheiratet, Geburtstage und Abi gefeiert, es gab Konzerte, Filme, Theater, Ausstellungen … Kanarienvögel und Honig. Gleich bei unserem ersten Kiezfest kamen 1000 Gäste“, sagt Schweikhardt.

Die Planung für das Grundstück. Wie Schweikhardt sagt, war das Areal einst in Besitz des Landes Berlin. Unter Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) sei das Grundstück für 1,1 Millionen Euro privatisiert worden. Damals trennte sich Berlin von vielen öffentlichen Grundstücken und landeseigenen Immobilien, es verkaufte sozusagen sein Tafelsilber, wie es oft hieß. Bei einem Weiterverkauf des Schöneberger Grundstücks einige Jahre später wurden schon 7,5 Millionen Euro erzielt. Es gab dann nochmals einen Eigentumswechsel. Die jetzigen Eigentümer wollen dort unter anderem ein privates Museum für ihre Sammlung des Malers Josef Hegenbarth errichten, zudem gibt es wohl Planungen für eine Bibliothek, für Ateliers und andere Kreativnutzungen, wie Schweikhardt sagt. Ein Vorstoß der Eigentümer bei Kultursenator Klaus Lederer (Linke) vor einiger Zeit soll aber nicht besonders erfolgreich gewesen sein.

Das Planungsrecht. „Da der Flächennutzungsplan an dieser Stelle eine Gemeinbedarfsfläche mit hohem Grünanteil vorsieht, welche allenfalls als Schule, für Sicherheit und Ordnung oder als Park genutzt werden soll, bedarf es meiner Einschätzung nach eines ausführlichen Genehmigungs- und Beteiligungsprozesses“, sagt Schweikhardt. Einen Bauantrag gebe es noch nicht. Der Grüne hatte sich bemüht, eine Verlängerung für den Garten zu bekommen, bis wirklich mit den Bauarbeiten angefangen werden kann, blieb erfolglos: „Ich befürchte jetzt einen sehr langen Leerstand.“ Das könnte dazu führen, dass dieses Grundstück, auf dem es einst so wunderschön blühte, verwahrlost. Keine gute Aussicht für den gesamten Kiez.

In unmittelbarer Nachbarschaft des Kleistparks. Bei diesem steht jetzt eine umfangreiche Sanierung an. „Der Kleistpark ist die grüne Seele des Kiezes“, sagt Schweikhardt. „Ich erhoffe mir eine Verbesserung der Aufenthaltsqualität und eine dauerhafte Pflege, damit er wieder zum Wohnzimmer des Kiezes werden kann. Ich würde mich über Gemeinschaftsbeete und ein Café im direkten Umfeld des Kleistparks sehr freuen.“

  • Text: mit Markus Hesselmann, Foto: Heinz Jirout
  • Sanierung Kleistpark. Bei einer digitalen Informationsveranstaltung stellt das Grünflächenamt des Bezirks den aktuellen Planungsstand für die Sanierung der denkmalgeschützten Anlage vor. Mittwoch, 9. Februar, 17 Uhr, Anmeldung per E-Mail bis zum 7. Februar: mediation@swup.de, Betreff: „Kleistpark“.
  • Nazis, Dichter, AntifaschistenDer Kleistpark ist ein Berliner Ort voller Geschichte und Geschichten – unter dem Titel hat mein Kollege Markus Hesselmann sich mit der Historie des Kleistparks und der Sicht von Menschen, für die der Park und der Namensgeber etwas bedeuten, befasst. Dabei geht es nicht nur um Heinrich von Kleist, sondern auch um Adelbert von Chamisso, der übrigens gerade Geburtstag hatte (30. Januar 1781). Und hat der Park womöglich den falschen Namen? Jedenfalls hatte Chamisso mehr mit dem Areal zu tun als Kleist. „Ich hätte den Park Adelbert-von-Chamisso-Park genannt“, sagt die Landschaftsarchitektin Bettina Bergande. „Er war zugleich Dichter, Naturforscher, Botaniker und Kustos am Botanischen Garten und wohnte auch ganz in der Nähe.“ Hier geht’s zum Artikel bei T+: plus.tagesspiegel.de
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