Nachbarschaft
Veröffentlicht am 29.10.2024 von alexander conrad
„Der Magistrat von Groß-Berlin hat das Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V. als nichtpolitische Organisation auf Grund des von Ihnen eingereichten Antrages für den Bereich von Groß-Berlin anerkannt. Die Organisation darf vom 1. November 1949 an ihre Tätigkeit im Bereich von Groß-Berlin ausüben.“ Mit diesem Schreiben, unterzeichnet von Oberbürgermeister Ernst Reuter, war der Verein zugelassen, und die nun fast auf den Tag genau 75-jährige Geschichte des Nachbarschaftsheims Schöneberg hatte offiziell begonnen.
Wenn auch nicht ganz so, wie zugesichert worden war. Groß-Berlin? Dafür war Ernst Reuter in seinem Rathaus am Rudolph-Wilde-Platz, dem heutigen John-F-Kennedy-Platz, faktisch nicht mehr zuständig. Die politische Teilung der Stadt war vollzogen, und sein „Magistrat von Groß-Berlin“, hervorgegangen aus der nur in den West-Sektoren abgehaltenen Wahl vom 5. Dezember 1948, hatte nur noch in der halben Stadt das Sagen.
Es waren damals unsichere Zeiten, nicht nur politisch, und auch ein neuer Verein musste improvisieren. Der erste Sitz? Ein winziges, noch heute existierendes Landhaus in der Hedwigstraße 6, das erst nach der nicht reibungslos abgelaufenen Kündigung der alten Mieter bezogen werden konnte. Auch waren Besucher in der ersten Zeit ausdrücklich gebeten, eine Kohle mitzubringen, damit überhaupt geheizt werden konnte.
Eine für die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg typische Notsituation. Aber gerade um ihr zu begegnen, hatte sich am 1. November 1949 in Friedenau eine Arbeitsgemeinschaft christlicher Frauen zusammengefunden und für die Nachbarschaft eine Nähstube samt Schusterwerkstatt eingerichtet: das Nachbarschaftsheim Schöneberg. Unterstützt wurden sie von den US-Alliierten, die in der Gemeinschaftsarbeit schnell eine Möglichkeit zur Förderung der Demokratie erkannten.
Betritt man nun, ein dreiviertel Jahrhundert später, die Räume des Nachbarschaftsheims in der Holsteinischen Straße 30, so quellen einem aus Aufstellern und von Pinnwänden unzählige Vernetzungs- und Hilfsangebote entgegen. Was mit dem gemeinsamen Zusammenflicken von Kinderkleidung aus ausrangierten Uniformen und mit Skatgruppen für die Männer begann, erstreckt sich nun über Elternkurse, gemeinsame Kochgemeinschaften und Selbsthilfegruppen bis hin zum „Biografiesalon“, der Klangschalenmeditation oder „Qi Gong am Morgen“. Der Grundgedanke aber ist gleich geblieben: „Wir helfen den Leuten aus der Nachbarschaft dabei, sich selbst zu helfen“, erklärt Barbara Lüders, Sprecherin des Heims.

Beim Besuch des Reporters streift sie durch die Gänge der vierstöckigen Einrichtung, entlang von Gemeinschaftsräumen, in denen sich gerade Teilnehmer eines Seniorentreffens und Demenzgruppen zusammengefunden haben. Mal erspäht man durch einen Türspalt bunte Ballons, die durch die Luft wirbeln, mal ertönt lautes Gelächter, doch fast immer sieht man einen kleinen Tisch in den Räumen stehen, reichlich bestückt mit Keksen und anderem Süßgebäck. Im Treppenhaus kommt Lüders an einigen ausgelassen scherzenden Damen vorbei, die sich vor einem ausgestellten Gemälde in der sogenannten, immer wieder wechselnden Treppenhausgalerie versammelt haben.
„Die Nachbarschaft sagt uns, was sie braucht, und wir versuchen, ihnen passende Angebote bereitzustellen“, sagt Lüders. Stetig expandierte das Heim auf diese Weise, immer wieder wurden die Räume zu klein. So zog es die Gründerinnen 1958 von der ersten Adresse in der Hedwigstraße 6 in einen imposanten Altbau in der Rembrandtstraße 8, wo sie lange Zeit blieben. 2005 stellte das Land Berlin der Organisation in der nahen Holsteinischen Straße 30 einen geräumigen Neubau zur Verfügung, doch mit weiteren Einrichtungen wie Kitas, Tagesbetreuung für Jugendliche und ambulanten Pflegediensten ist das Nachbarschaftsheim im Bezirk weit darüber hinaus präsent.

1025 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehören ihm an, hinzu kommen knapp 1500 Ehrenamtliche, die sich für den Zusammenhalt in Schöneberg engagieren. „Vielen fällt gar nicht auf, dass wir sie als Ehrenamtliche zählen, wenn sie eine ältere Nachbarin zu ihrer Gesangsstunde fahren“, erzählt Alexandra Schibath, Bereichsleitung für Stadtteil- und Kulturarbeit. „Für sie ist das etwas ganz Selbstverständliches geworden.“
Besonders während der Coronapandemie habe die Arbeit Früchte getragen, die Nachbarschaft hielt fest zusammen. „Bekanntschaften, die vielleicht aus gemeinsamen Yoga-Stunden entstanden sind, wurden zu wertvollen Kontaktpersonen, die füreinander einkaufen gingen und gemeinsam auf sich achteten, damit niemand in dieser belastenden Zeit vereinsamte.“ Das Angebot erstrecke sich mittlerweile „von der Wiege bis zur Bahre“, sodass man sein ganzes Leben in der Gemeinschaft vernetzt bleiben könne. So konnte zum Beispiel die Demenzerkrankung eines Senioren, der lange Zeit in einer Gesangsgruppe tätig war, durch den stetigen Kontakt frühzeitig erkannt werden. Und Frauen, die häusliche Gewalt erfahren hatten, vermittelte man umgehend die passenden Hilfsangebote.
„Es ist natürlich schön, eine so lange Tradition zu haben. Aber wir fragen uns auch immer wieder, wo wir hinwollen“, sagt Alexandra Schibath mit Blick auf das 75-jährige Jubiläum des Nachbarschaftsheims. „Unsere Arbeit ist nicht weniger wichtig als 1949. Gemeinschafts- und Demokratiebildung ist in den heutigen Zeiten notwendiger denn je.“
- Fotos:
Nachbarschaftsheim in der Holsteinischen Straße 30 – Alexander Conrad
Fest im Garten – Jörg Farys
Nachbarschaftsheim in der Rembrandtstraße 8 – Archiv NBHS