Intro

von Thomas Loy

Veröffentlicht am 18.02.2019

Hier mal, aus konkretem Anlass, eine Nachricht aus der Wirtschaft, die auch eine alarmierende aus der Gesellschaft ist: Peter Racz, Ingenieur aus Köpenick, 57 Jahre alt, hat seine Firma für Automatisierungstechnik in Adlershof nach Koblenz verlegt und uns dazu eine Mail geschickt, die seinen über Jahre angestauten Ärger widerspiegelt. Die Mail war eine spontane Reaktion auf das Intro des vergangenen Newsletter zum Streik im Öffentlichen Dienst, in dem meine Kollegin Simone Jacobius dazu aufrief, einen privaten Notfallplan aufzustellen: „Ich habe meinen Notfallplan bereits für alle Mittwöche und auch für alle anderen Tage gemacht: Ich bin nach Rheinland-Pfalz umgezogen!
Von mir aus können jetzt die Ostdeutschen in Berlin streiken,
aufmarschieren, sich pegidisieren, ihren rechten Arm nach oben strecken, mit ihrer linken Hand Autos im Mai anzünden, oder sie können versuchen weiter an dem Flughafen zu bauen, mir ist das egal. Von mir bekommen sie keinen Cent Gewerbesteuer und auch keine Aufmerksamkeit mehr. Die Ostdeutschen wollten unter sich bleiben, bitte schön, an mir liegt es nicht mehr!“

Diese Mail sei übertrieben, sagt Racz am Telefon, eine aus spontanem Ärger gespeiste Reaktion auf den Streik, aber auch Ausdruck einer in vielen Jahren angesammelten Frustration über ostdeutsche Mentalitäten, Obrigkeitsdenken, Fremdenfeindlichkeit und die spezielle Berliner Mischung aus Behörden- (Bürgerämter) und Politikversagen (Flughafen). Racz ist ein Nachfahre der Donauschwaben aus Ungarn, hat dort studiert, in Österreich gearbeitet, später im Rheinland, bevor er Ende der 90er Jahre nach Berlin kam, seiner Frau zuliebe, die aus Thüringen stammt und in Berlin verwurzelt ist. Vom Kirchenchor bis zu den Kollegen, die er bei seinen Arbeitseinsätzen traf: Racz machte die Erfahrung einer „verschlossenen Gesellschaft“, die ihn mit seinem Dialekt nach Bayern verortete und wegen seiner Ansichten ausgrenzte. Racz findet, man könnte doch mal selber an sich arbeiten, wenn es im Chor nicht läuft oder Aufträge ausbleiben. Meist seien seine Gesprächspartner auf Distanz gegangen, statt sich mit ihm darüber zu unterhalten oder zu streiten. Dann kam die „geistige Wende“, sagt Racz, mit der Flüchtlingswelle 2015 und dem Aufstieg der AfD. Die „freundlichen Nachbarn“ wurden langsam unfreundlicher, wenn das Gespräch vom Wetter ins Politische driftete. Und Racz, österreichischer Staatsbürger, aber auch Ungar und Schwabe, fühlte sich immer öfter betroffen von der Feindlichkeit gegenüber denen, die nicht von hier kommen, anders sprechen und denken.

In Koblenz fühlt er sich wohler, dort habe man ihn offener empfangen, mit Interesse an seiner Herkunft statt Vorbehalten. Nebenbei gibt es dort auch mehr Auftraggeber als in Berlin. Er würde gerne ganz nach Koblenz ziehen, wären da nicht Frau und Kinder, die an Berlin hängen. So pendelt er zwischen West und Ost, 30 Jahre nach dem Fall der Mauer, die offenbar noch immer ihre dunklen Schatten übers ostdeutsche Land wirft.

Thomas Loy, aufgewachsen an der Küste (Nordsee), zog 1995 nach Berlin und wohnt mit seiner Familie seit zehn Jahren in Johannisthal. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an leute-t.loy@tagesspiegel.de

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