Namen & Neues

Verein wartet seit mehr als einem Jahr auf Schadensersatz durch Senat

Veröffentlicht am 05.12.2022 von Simone Jacobius

Es war im Juni 2021. Die Spundwände für die neue Salvador-Allende-Brücke wurden gesetzt. Der Boden gab nach – und mit ihm das Vereinshaus der Sportgemeinschaft Hirschgarten. „Unser Haus war in die Baugrube gerutscht. Nach einem kurzen Baustopp wurde es schnell abgerissen, damit weitergebaut werden konnte“, erinnert sich der Vorsitzende Eberhard Nitsch.

Seitdem: Still ruht der See. Der Verein muss mit Provisorien kämpfen, einen Schadensersatz gab es noch nicht, von einem Neubau ganz zu schweigen. Eine Wertschätzung vor dem Abriss hatte einen Wert von 30.000 Euro für das Gebäude ermittelt. „Ein Witz“, sagt Nitsch, „ein Neubau kostet uns 350.000 bis 400.000 Euro. Die Differenz können wir nicht alleine aufbringen.“ Das Problem: Der Untergrund ist heikel. Das Haus müsste deswegen auf Pfähle gesetzt werden, so dass der Unterbau genauso viel kostet, wie das eigentliche Haus.

Besitzer-Gemengelage. Der SG Hirschgarten, ein Wassersportverein, ist nur Nutzer des Grundstückes. Eigentümer und somit Geschädigter ist das Bezirksamt. Jemand von der „Wiedergutmachungsstelle“ beim Senat war bereits vor Ort. Bei der Eröffnung der Brücke sprach Nitsch Stadtentwicklungssenatorin Bettina Jarasch (Grüne) auf das Problem an, welches ihr durchaus bekannt war. Drei Petitionen wurden bereits zu dem Problem im Abgeordnetenhaus eingereicht, unter anderem vom Verein und vom Verband. Der CDU-Abgeordnete Maik Penn, der auch Vorsitzender des Petitionsausschusses ist, hat sich des Themas angenommen: „Nach anderthalb Jahren Prüfung durch die Verwaltung bedarf es endlich entsprechender Entscheidungen, die eine Wiedergutmachung durch einen zügigen Neubau ermöglichen. Hierbei möchte ich Sie weiter unterstützen und auch mit dem Petitionsausschuss fraktionsübergreifend am Ball bleiben!“, schreibt er dem Verein.

Auch im Bezirksamt macht man Druck. Sportstadtrat Marco Brauchmann (CDU) hat sich laut Nitsch gerade erst ein Bild vor Ort gemacht. „Anders als bei vielen Gebäudeversicherungsverträgen üblich, erfolgt die Entschädigung hier zum Gebäudezeitwert im Schadenszeitpunkt. Der Gebäudezeitwert wurde durch Gutachten festgestellt.“ Derzeit würden Abstimmungen zwischen dem Bezirksamt Treptow-Köpenick und der Senatsverkehrsverwaltung laufen. „Ich selbst habe mich beim Senat dafür eingesetzt, dass der offensichtlich extrem niedrige festgestellte Zeitwert nochmals überprüft wird und das Land Berlin seine Entschädigungsrichtlinien auf die marktübliche Gleitende Neuwertentschädigung umstellt, um immaterielle Schäden für das ehrenamtliche Vereinsleben künftig zu vermeiden”, schrieb mir der Stadtrat auf Nachfrage.

Eine Nachfrage beim Senat war nicht sonderlich aufschlussreich. „Es handelt sich bei der vorliegenden Schadensanzeige um ein laufendes Verfahren, so dass eine detaillierte und abschließende Beantwortung nicht möglich ist. Gemeinsam mit der Grundstückseigentümerin und auf Basis der vorliegenden Gutachten erfolgt die Prüfung und Bewertung nach Abschluss der Baumaßnahme in diesem Bereich“, teilt Staatssekretärin Meike Niedbal im Auftrag der Senatorin mit. Die Entschädigungssummen sollen anhand von gutachterlichen Stellungnahmen beziehungsweise anhand von Kostenvoranschlägen ermittelt werden, so Niedbal.

Nicht die einzigen Geschädigten. Auch der benachbarte Kanuverein, Blau-Gelb-Köpenick e. V., leidet unter Brückenbauschäden. An seinem Haus hängt ein Transparent: „Lieber Senat, die Brücke ist toll und wir haben die Schäden.“ Es handelt sich um einen dicken Riss im Dach eines Anbaus und um einen Zaun, der sich abgesenkt hat. „Das Tor haben wir notdürftig wieder gangbar gemacht. Aber seit im Spätsommer jemand vom Senat hier war, haben wir nichts mehr gehört“, sagt der Kanuvereinsvorsitzende Christian Schulze.

Zurück zur SG Hirschgarten. Problematisch war dort auch, dass das noch stehende Fachwerkgebäude des Vereins, dort sind unter anderem Umkleideräume untergebracht, vom abgerissenen Vereinshaus mitbeheizt wurde. „Jetzt heizen wir mit Elektro-Radiatoren, auch nicht das Gelbe vom Ei“, bemängelt der Vereinsvorsitzende. Für Versammlungen haben ihnen jetzt befreundete Vereine Asyl gegeben, die Weihnachtsfeier wurde deutlich teurer in ein Restaurant verlegt. „Wir müssen das Vereinsleben irgendwie aufrecht erhalten. Nächstes Jahr feiern wir unsere 60-jähriges Bestehen. Da werden wir wohl in Pavillons feiern müssen“, bedauert Nitsch.

Statt Entschädigung nur kleine finanzielle Gesten. Denn diese gab es bereits auf Senatskosten: Ein Pavillon konnte gekauft werden und auch Zwischenzähler und Thermostate im verbliebenen Haus sind eingebaut worden.

Paradoxe Gegenrechnung. Für den Bau der Salvador-Allende-Brücke sollte die Terrasse am Vereinshaus der SG Hirschgarten ohnehin weichen. Für 65.000 Euro sollte der Verein etwas Neues bekommen, eine einfache Betonfläche. Doch wenn allein für die Ersatz-Terrasse 65.000 Euro fließen sollen, warum wird dann ein ganzes Haus, das abgerissen werden musste, gerademal mit 30.000 Euro veranschlagt? Da kann Eberhard Nitsch nur den Kopf schütteln. Doch er hofft weiter auf eine baldige Einigung zwischen Sportamt und Senat, damit der Verein weiter bestehen kann.