Kiezgespräch
Veröffentlicht am 03.02.2020 von Thomas Loy
Zählung der Zahllosen. Selten ist ein wichtiges Berliner Großereignis so geheimnisumwölkt unterm Medienradar durchgetaucht wie die „Nacht der Solidarität“. Vom 29. auf den 30. Januar, in einer kalten Nieselregennacht, sollten die Berliner Obdachlosen gezählt werden. Kann ja nicht so schwierig sein, dachten sich die Organisatoren, teilen wir die Stadt einfach in Planquadrate ein, schicken Zählteams durch und, schwupps, haben wir die genaue Zahl. Aber schon jetzt gibt es erhebliche Zweifel, ob die Zählung wirklich funktioniert hat. Denn viele Obdachlose sind scheu, haben sich von der Gesellschaft abgewandt und wollen für sich bleiben.
Die neun Teams im Neuköllner Stadtteil Britz, so steht es in der Berliner Zeitung, hatten keinen einzigen Obdachlosen gezählt, obwohl es dort einige gibt, die auch namentlich bekannt sind. Sie waren offenbar rechtzeitig vor den Zählteams geflohen. Ähnlich erging es Teams in Tempelhof und Friedenau. Abgeordneter Maik Penn war mit seinen CDU-Kollegen in Köpenick unterwegs, sie hatten viel Spaß, trafen aber keinen Obdachlosen. Carsten Schatz, Linke-Abgeordneter, streifte durch Rahnsdorf. Ob er jemanden zählen konnte, teilte er nicht mit. Offiziell war es den Helfern untersagt, über ihre Erfahrungen zu reden und Ergebnisse preiszugeben. Journalisten durften die Teams nicht begleiten. Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) erklärte am Donnerstag in der BVV, die Aktion sollte zu anderen Jahreszeiten wiederholt werden, um ein besseres Ergebnis zu bekommen.
Ich glaube nicht ans Zählen von Menschen, die nirgendwo gemeldet sind, sich frei innerhalb der EU bewegen können, von Stadt zu Stadt pilgern, von Land zu Land, teils mit Billigtickets von Easyjet, die man sich an einem Tag zusammenbetteln kann. Das Leben auf der Straße ist hart und gefährlich, daher ist Hilfe wichtig, aber die Vision von Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke), jeden Obdachlosen mit einer Unterkunft zu versorgen, mit psychologischer und medizinischer Hilfe, ist realitätsfern. – Text: Thomas Loy
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