Nachbarschaft

Veröffentlicht am 12.02.2018 von Simone Jacobius

Mathias Daus, ehrenamtlicher Vormund aus Köpenick

Vormundschaft. Mich einen Ersatzvater zu nennen wäre übertrieben, aber als Vormund von Ziahudin habe ich schon eine ziemlich große Verantwortung und auch Pflichten. Seit Oktober 2016 kümmere ich mich um den jungen Mann aus Afghanistan. 2015 kam er als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling nach Deutschland. Nicht ganz freiwillig. Nachdem die Taliban seinen Vater und den ältesten Bruder erschossen hatten, hat seine Mutter ihn weggeschickt. Ihm hätte sonst das gleiche Schicksal gedroht oder er hätte für die Taliban kämpfen müssen.

Perspektive. Als ich Ziahudin kennenlernte, lebte er in einer Massenunterkunft, ohne entsprechende Betreuung, ohne Deutschkurs, ohne wirkliche Perspektive. Er war schwer traumatisiert und depressiv. Ich hatte in der Zeitung über das Engagement der Caritas für minderjährige Flüchtlinge gelesen und wollte dabei mithelfen. Der Anfang war nicht einfach. Wir konnten uns nur schwer verständigen und Ziahudin hatte kaum Interessen. Das wurde erst besser, als er in eine Willkommensklasse kam und in eine andere Unterkunft. Aber auch dort gab es zu wenige Betreuer/innen für die jungen Geflüchteten. Die waren gutwillig, aber überfordert. Ich habe mich dann gekümmert, dass er in eine Wohnung im Wedding ziehen konnte.

Angst. Das Wichtigste für mich war aber, seinen Aufenthaltsstatus zu klären. Ich hatte große Angst, dass ich ihm sagen müsste, dass sein Asylantrag abgelehnt wurde und er nach Afghanistan zurück muss. Zum Glück hat er eine Aufenthaltserlaubnis bekommen, die gilt zweieinhalb Jahre. Ziahudin kann sich jetzt ganz auf die Schule konzentrieren, weil ihn die Unsicherheit nicht mehr belastet. Das ist für ihn eine große Motivation, er will seine Chancen nutzen.

Hilfe. Ich helfe ihm vor allem in Deutsch und Mathe, damit er bald in eine normale Schulklasse wechseln kann. Ziahudins Geschichte hat mich sehr bewegt. Es ist etwas anderes, so nah an einem Schicksal dran zu sein, als einfach nur 1,5 Millionen Flüchtlinge zu sehen. Auch wenn Ziahudin in diesem Jahr volljährig wird, werde ich mich weiter um ihn kümmern.

 Aufgezeichnet von Claudia Berlin, Foto: privat. Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge, bitte per Email an meinen Kollegen unter: thomas.loy@tagesspiegel.de

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