Nachbarschaft

Veröffentlicht am 27.01.2020 von Thomas Loy

Kristin Höch, 36, aus Köpenick, Namenspatin für Johann Dillmann

„Ach, auch ein Wassermann. Genau wie ich.“ Kristin Höch ist eine von vielen, die an diesem Montag ins Rathaus Köpenick gekommen sind, um die Namen der über 1360 NS-Opfer zu schreiben, die auf dem Friedhof von Altglienicke begraben liegen. Die Köpenickerin hat über die Facebook-Seite des Bezirksamtes davon erfahren und sich sofort angemeldet, auch Mann und Schwester wollen noch kommen.

Namen und Würde für die Toten. Bürger wurden dazu aufgerufen, die Lebensdaten der Getöteten in ihrer Handschrift zu verewigen, in Druckbuchstaben, damit man die Namen später gut lesen kann. Die Namen werden auf einer Wand versammelt, die an der Grabstelle aufgestellt werden soll. Es sei eine schöne Geste, um den Menschen ihren Namen und ihre Würde zurückzugeben, sagt Höch. Bisher erinnert nur ein anonymer Gedenkstein an die Menschen, die in den Konzentrationslagern und Tötungsanstalten der Nationalsozialisten ermordet wurden.

Johann Dillmann starb 1941. Höch möchte die Grabstelle demnächst auf jeden Fall besuchen. Nach einem Namen wird sie dann besonders Ausschau halten: Johann Dillmann, dem Mann, den sie mit ihrer Handschrift aus der Anonymität befreit hat. Geboren 1912 in Düsseldorf, gestorben 1941 im KZ Sachsenhausen, keine 30 Jahre alt, „Arbeiter“ steht auf einer Liste, mehr weiß man nicht über ihn. Höch feiert heute, am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, ihren 36. Geburtstag. Allein dadurch, sagt sie, habe sie immer eine persönliche Verbindung zu dem Tag gehabt.

Schon nach zwei Stunden haben rund 200 NS-Opfer einen Paten gefunden. Wie Höch sind viele aus der direkten Nachbarschaft gekommen, auch viele junge Leute und Schulklassen, was Mitorganisator Klaus Leutner besonders freut. Auch Berliner aus anderen Bezirken sind dem Aufruf gefolgt. Ebe Porter ist mit Mann und zwei kleinen Kindern aus Wedding angereist. Die gebürtige Amerikanerin lebt seit neun Jahren in Berlin. Das habe ihren Blick auf die deutsche Vergangenheit verändert, sagt sie. („Living here it becomes personal.“ – „Wenn man hier lebt, wird es persönlich“). Nun ist auch Armin Czech, dessen Lebensdaten sie verewigt hat, Teil dieser persönlichen Geschichte.

Text und Foto: Verena Mayer

Der Tagesspiegel erstellt eine interaktive Karte mit Stolpersteinen und noch nicht so bekannten Berliner Gedenkorten für die Opfer des Nationalsozialismus: tagesspiegel.de

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