Nachbarschaft

Veröffentlicht am 02.03.2020 von Thomas Loy

Harry Mehner (l.) und Wolfgang May, ehemalige Mitarbeiter des DDR-Fernsehens und Experten für Johannisthaler Filmgeschichte

Die Berlinale ist vorbei, aber filmhistorisch geht es am kommenden Mittwoch, 4. März, gleich weiter. Im Büro von Gregor Gysi in der Brückenstraße beginnt eine Ausstellung zu den „Johannisthaler Filmanstalten“, der Jofa, die von den Jüngeren kaum noch jemand kennt. Harry Mehner und Wolfgang May leben seit Langem in Johannisthal, gingen früher jeden Tag zur Arbeit „in die Jofa“, also auf das ehemalige Filmgelände an der Straße am Flugplatz, das seit den 1960-er Jahren überwiegend vom Fernsehen der DDR genutzt wurde. Das langgestreckte Bürogebäude, das sich hinter großen Parkbäumen verbirgt, war übrigens das Verwaltungsgebäude der „Tobis“, der bekannten Filmproduktionsfirma, die Ende der 1920-er Jahre die Jofa übernahm.

Die Jofa entwickelte nicht die Aura eines deutschen Hollywood, erlebte nach der Wende keine Renaissance wie die ehemaligen Ufa-Studios in Babelsberg, ist nicht mit Stars wie Marlene Dietrich und Heinz Rühmann verbunden. Obwohl Rühmann auch in Johannisthal drehte, genau wie Hans Albers, Paul Hörbiger, Theo Lingen, Gustaf Gründgens, Marianne Hoppe, Emil Jannings und Johannes Heesters. „Nosferatu“ von Friedrich Wilhelm Murnau wurde in der Jofa gedreht, „Hamlet“ von Asta Nielsen. Ein Traumpaar des deutschen Kinos, Lilian Harvey und Willy Fritsch, begann hier 1926 seine Karriere, mit dem Stummfilm „Die keusche Susanne“. Zwei Jahre später kaufte die Ufa Lilian Harvey aus dem Vertrag mit ihrem Entdecker Richard Eichberg, für eine Ablösesumme von 78.000 Reichsmark.

Wolfgang May recherchiert seit Jahren zur Jofa und hat ein Buch geschrieben, das im April vorgestellt werden soll: Berlins vergessene Traumfabrik. May wurde 1940 in Zwickau geboren, hat erst Fotografie studiert, arbeitete als Fotografiker beim Fernsehen, studierte noch einmal, diesmal Filmproduktion an der HFF in Babelsberg, danach wurde er „Bereichsleiter Filmproduktion der Studiotechnik Fernsehen“. In Johannisthal wohnt er seit 1976. Mit den Recherchen zur Johannisthaler Filmgeschichte begann er 2008.

Harry Mehner, 1953 in Halle geboren, lebt seit 1987 in Johannisthal. Er ist Diplomjournalist und arbeitete von 1972 bis 1991 als Redakteur, Autor und Chef vom Dienst in verschiedenen Bereichen des DDR-Fernsehens, zuletzt in der Sportredaktion. „Danach war ich freier Autor, Journalist, Produzent, Veranstalter. Ich habe die Reihe ‚Stummfilme mit Live-Musik‘ in den Reinbeckhallen mitbegründet und verantwortet.“ Seit 2017 im Ruhestand, kümmert sich Mehner vornehmlich um seine Enkelkinder, singt im Belcanto-Chor Berlin und macht mit Freunden Jazz- und Rockmusik „für den Hausgebrauch“.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-t.loy@tagesspiegel.de