Nachbarschaft

Veröffentlicht am 02.06.2020 von Simone Jacobius

Andreas Freiberg, 71, erinnert an verfolgte und ermordete Juden aus Baumschulenweg

Schon seit langem bin ich als Hobbyhistoriker aktiv. Dabei interessiert mich nicht die große Weltgeschichte, es sind eher die kleinen Geschichten aus meiner unmittelbaren Umgebung, die ich erforsche und sammle. Seit ich 2001 nach Baumschulenweg gezogen bin, ist es vor allem die Baumschulenstraße, die mich interessiert. Wer lebte früher hier, welche Geschäfte gab es? In einem Buch über Baumschulenweg und Plänterwald stieß ich auf die Kurzwarenhandlung von Hermann Bry in der Baumschulenstraße 12. Das Geschäft wurde – wie so viele andere Läden jüdischer Inhaber – in der Pogromnacht 1938 von der SA verwüstet. Hermann Bry war damals bereits verstorben, als Inhaberin wurde im Berliner Adressbuch Emma Bry genannt.

Hermann Brys Grab fand ich nach langer Suche auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee. Das war für mich wie eine Initialzündung. Ich wollte wissen, wo in Baumschulenweg jüdische Einwohnern gelebt hatten und was aus ihnen wurde. Den Namen Emma Bry fand ich auf einer Deportationsliste der Nazis. 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und 1944 dort ermordet. Was ich nicht fand, war ein Foto von ihr. Ich wollte ihr wieder ein Gesicht geben und auch die anderen verfolgten und ermordeten Juden aus Baumschulenweg vor dem Vergessen bewahren. So habe ich mich in den vergangenen Jahren durch Adressbücher und Archive gewühlt und damit ein Stück Vorarbeit geleistet für die mittlerweile 18 Stolpersteine, die in Baumschulenweg verlegt wurden. Darunter sind auch Stolpersteine für nichtjüdische Bürger wie Dr. Hellmut Späth von den Späth´schen Baumschulen, der 1945 als politischer Häftling im KZ Sachsenhausen ermordet wurde.

Ich sammle nicht nur ihre Geschichten und Schicksale, gelegentlich halte ich auch Vorträge in der Volkshochschule und in der evangelischen Kirche und veranstalte historische Spaziergänge durch „Baume“. Ende Mai sollten die nächsten fünf Stolpersteine verlegt werden – verschoben wegen der Corona-Krise. Ich hoffe, wir können den Termin bald nachholen. – Text und Foto: Sternenfischer/Claudia Berlin

  • Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-t.loy@tagesspiegel.de

Dieser Text stammt aus dem Tagesspiegel-Newsletter für Treptow-Köpenick. In voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de