Nachbarschaft

Veröffentlicht am 29.06.2020 von Thomas Loy

Den Berliner Strandbädern steht das Wasser bis zum Hals. Nach dem verspäteten Saisonbeginn wegen des Shutdowns müssen sie jede Menge Hygieneregeln beachten und wissen nicht, wie sie die laufenden Kosten finanzieren sollen. Darüber habe ich mit Tobias Apelt, 48, gesprochen, Betreiber des Strandbads Friedrichshagen.

Kann ein privater Strandbadbetrieb unter den derzeitigen Bedingungen wirtschaftlich überleben oder geht das nur mit finanzieller Unterstützung des Senats?

Man muss sich in Erinnerung rufen, warum wir diese Strandbäder überhaupt haben. Die Bäderbetriebe hatten es nicht geschafft, Strandbäder wirtschaftlich zu betreiben. Deshalb wurden sie verpachtet. Als Ausgleich für den defizitären Badebetrieb und die Sanierung der maroden Gebäude hat man uns Zusatzgeschäfte erlaubt, also Veranstaltungen, Gastronomie, in Friedrichshagen außerdem noch Verleih von Stehpaddel-Boards und Flößen. Diese Geschäfte machen in normalen Jahren fast 70 Prozent des Gewinns aus. In diesem Jahr haben wir schon einen mittleren sechsstelligen Betrag verloren, weil uns die Veranstaltungen weggebrochen sind. Bis Jahresende wird sich der Umsatzausfall nochmal verdoppeln, weil weiterhin die meisten Veranstaltungen abgesagt werden. Hochzeiten, 50. Geburtstage, Firmenevents – fast alles findet nicht statt oder wird ins nächste Jahr verschoben.

Was fordern Sie jetzt vom Senat?

Wir brauchen eine Überbrückung, ein Timeout. Man schneidet ein oder zwei Jahre heraus und tut so als hätte es sie einfach nicht gegeben. Wir brauchen eine Pachtverlängerung durch den Senat und einen Verzicht auf die Pachtzahlung für ein oder zwei Jahre. Oder alternativ einen direkten finanziellen Zuschuss.

Und wie ist die Reaktion?

Wir hatten ja mit einem offenen Brief aller Berliner Strandbadpächter Druck gemacht. Sport-Staatssekretär Aleksander Dzembritzki hat uns versichert, dass man unter Hochdruck an dem Problem arbeite. Uns ist in Aussicht gestellt worden, dass sowohl Pachterlass als auch Pachtverlängerung möglich sein werden. Das will der Senat aber mit jedem Pächter individuell verhandeln. Wir werden das genau beobachten.

Was ist mit den Badegästen? Sind sie bereit, unter den Hygieneregeln ins Strandbad zu gehen?

Es gibt eine große Verunsicherung, es kommen viel weniger als sonst. Wir haben uns entschlossen, den Gästen noch keine Reservierung mit Zeitfenster anzubieten. Es kamen noch nicht so viele, dass wir das Bad vorübergehend hätten schließen müssen. Wir dürfen derzeit nur ein Viertel der Gäste hereinlassen. Im Durchschnitt rechnen wir mit der Hälfte der Gäste im Vergleich zu normalen Jahren.

Wer kontrolliert eigentlich, ob die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden?

Das müssen wir selber machen. Ich als Unternehmer habe die Verantwortung, dass sich unsere Gäste an die Regeln halten, dazu muss ich auch mehr Personal einsetzen. Die Ämter des Bezirks, also Ordnungs-, Lebensmittelaufsichts- und Gesundheitsamt, erweisen sich in dieser Krisensituation als extrem kooperativ, fair und verständnisvoll. Wir werden streng kontrolliert, aber mit Augenmaß.

Wie sind Sie eigentlich Strandbadpächter geworden?

Wir haben 2008/09 angefangen, damals als Unternehmergruppe, die auf Expansion aus war. Ich hatte bis dahin das Restaurant Braustübl betrieben, es gab aber Konflikte mit dem Vermieter. Da haben wir in der Presse die Ausschreibung für das Strandbad gesehen, damals war noch ein Sportverein auf dem Gelände. Wir dachten zuerst, die würden das ohnehin dem Sportverein zuschanzen, dann haben wir aber die Ausschreibung gewonnen. Seitdem sind wir da, fühlen uns wohl und würden auch gerne weitermachen.

Wo stammen Sie ursprünglich her?

Ich komme aus Schöneweide, bin also auch Köpenicker. Als wir klein waren, gehörte Friedrichshagen schon zu unserem sommerlichen Aktionsradius. Zwischendurch war ich ein paar Jahre in der Schweiz, dann bin ich zurück und wohne seitdem in Friedrichshagen.

Was haben Sie mal gelernt?

Ich bin Gastronom, habe mich eine Zeit lang sehr intensiv mit Kochen beschäftigt. Ich bin aber weg von der À-la-carte-Gastronomie, habe keine Lust mehr darauf zu warten, ob der Kunde kommt und mich anschließend rechtfertigen zu müssen, dass der Tomatensalat sieben Euro kostet. Ich konzentriere mich lieber darauf, dass ich den Gästen, die ins Strandbad kommen, einen schönen Tag bereite.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-t.loy@tagesspiegel.de