Nachbarschaft

Veröffentlicht am 12.10.2020 von Thomas Loy

Wir feiern 30 Jahre Deutsche Einheit – ebenso lange betreibt Mario Brusinsky seinen kleinen Lebensmittel-Laden in Friedrichshagen. In der Coronakrise hat sein Umsatz zugenommen, bewährt hat sich aber vor allem der Lieferdienst, den er eigentlich schon immer angeboten hat. Mario Brusinsky ist jetzt 61 Jahre alt. Ans Aufhören denkt er noch nicht.

Wann haben Sie denn mit dem Laden losgelegt? Im Dezember ‘89, da war dit noch een Konsum, ‘n reiner Obst-Jemüse-Lebensmittelladen. Die Konsumjenossenschaft wurde dann in mehrere Ketten uffjespalten, die kleinen Obst- und Jemüse-Geschäfte wurden von der Samariterstraße in Friedrichshain aus gesteuert, beliefert wurden die Läden von Rewe. Dit jing aber nur noch so für een Jahr. Viele haben dann ihre Jeschäfte übernommen, dazu jehörte ick denn och.

Und die meisten, die übernommen haben, sind irgendwann wieder ausgestiegen, oder? Ja, da is‘ nich‘ viel übrig jeblieben. Lief ja fünf Jahre allet super, und mit einem Schlag sind wir ja och alle erstmal in Keller jerutscht mit den Umsätzen. Sind viele irgendwo in Lohn und Brot jejangen. Und wir haben uns gedacht, wir machen einfach mal weiter. Wir hatten ja von Anfang an den Lieferservice, das war schon janz jut.

Inzwischen gibt es ja mindestens ein Dutzend Discounter in der Umgebung, die Ihnen das Leben schwer machen, oder? Das ist eben so. Wat soll man sagen. Ick hab so ville Vertragspartner, das deckt den Discounter drei Mal mit Ware ab. Oder vier Mal. Ick fühl mich jut uffjehoben mit meinen Partnern, die mich beliefern.

Bei Ihnen kann man alles bestellen, auch das, was man im Laden selbst gar nicht findet? Jenau. Wenn ick jetzt zweetausend Artikel im Laden habe, hab ick die zehnfache Menge im Sortiment.

Also brauch ich als Kunde gar nicht mehr woanders hin, ich kriege ja alles bei Ihnen. Ahh, gar nich‘ mehr woanders hin, jenau, das wäre schön… Dann müssen wir ‘ne große Luftpumpe nehmen und den Laden mal richtig uffpumpen (lacht)

Wie verhält sich denn der Eigentümer? Das ist die Degewo, mit denen komme ich sehr jut aus. Kann man wirklich mal lobend erwähnen, ohne die wäre ich vielleicht och schon über die Klinge jesprungen.

Wie heißt der Laden eigentlich? Na ja, OHG Brusinsky, Mario. So nennt mich das Finanzamt (lacht).

Und was sagen die Kunden? Einfach Mario.

Was hat sich denn eigentlich verändert in den letzten 30 Jahren? Hat sich die Kundschaft verändert? Haben Sie sich verändert? Ick hab mich verändert, bin dreißig Jahre älter jeworden, die Kundschaft ebenfalls. Da denkt man schon mal: Wer zieht hier eigentlich die Fäden, gibt es doch sowas wie ‘ne höhere Jewalt? Sowie zweee hintereinander wegsterben, kommen och zwee Neue dazu. Das ist ganz komisch, die haben alle nichts voneinander jehört oder so, aber dit Gleichgewicht, so ein bisschen, dit bleibt. Da hab‘ ich bis jetzt noch keine Erklärung dafür, dit is aber die ganze Zeit schon so, dit is janz ulkig. Ick hab ja auch keene Erklärung dafür, wie Sie uff mich jekommen sind (lacht).

Werbung machen sie ja auch nicht, oder? Nee, nee, nee. Wir haben so einen Köpenicker Anzeiger, dit is okay. Wenn ick schon im Netz meinen Lieferservice einstelle, dann musst du am Ende nach Marzahn liefern, für 25 Euro…

Bis wohin fahren Sie denn Lebensmittel aus? Das Weiteste war Grünheide. Hohenschönhausen, Lichtenberg, dit jeht och noch. Dann aber mit dem Auto. Im Kiez hier in Friedrichshagen nehm‘ ich das Fahrrad.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie? Eine Aushilfe, meine Frau, wenn sie Zeit hat.

Und der Urlaub fällt jedes Jahr flach? Nee, den machen wir schon noch, seit zehn Jahren, vorher haben wir gar keen jemacht. 14 Tage, die sind bezahlt, eingetragen und tralala, da darf man auch nicht dran rütteln, dann ist der Laden eben zu. Immer zweete Augusthälfte, da können sich die Leute drauf einstellen.

Wie lange wollen Sie denn das noch machen? Wann wird der Nachfolger eingearbeitet? Alle finden’s schau, dass es sowat noch jibt, aber versuchen Sie mal mir jemanden zu schicken. Dit mit den Lehrlingen, so ein richtiger Ausbildungsvertrag, der kann dir unter Umständen sogar das Genick brechen, hat mein Steuerbüro schon 2005 jesagt: Lass die Finger davon, die verbrennste dir. Wer will sich das denn 12, 13 Stunden am Tag antun, auch noch sonnabends

Aber so als Unternehmer verdient man doch ganz gut… Das ist Wahnsinn. Wenn ick das letzte Problem noch jelöst habe, wo ick denn mit dem ganzen Geld bleibe, denn… natürlich verdienste nüscht (lacht).

Was haben Sie denn vor ‘89 gemacht? Ich hatte im Osten Gastronomie gemacht, bei der HO, das war das Konkurrenzunternehmen zum Konsum. Ick bin denn so rinjeschliddert, weil ich mit lauter Konsum-Leuten in eenem Haus jewohnt habe, vorher… also  wir haben die ganzen Neubauten verbrochen, also die Formen für die Platten gebaut, dit war mein Grundberuf.

Ach so, Betonwerk Grünau oder was? Jenau, da komm ick her. Kranfahrer und Schweißer und so, wir haben die Formen jebaut für die Betonelemente, mir ging‘s da nicht schlecht, ick konnte machen, wat ick wollte, hatte Lehrlinge, mit denen konnte man sich Zeit lassen für langfristige Objekte, aber Jeld wollten sie mir keins mehr geben.

Und jetzt geht’s langsam auf die Rente zu, wie lange machen Sie denn noch weiter? Also, die 70 wollte ich noch voll machen. Is‘ schon ein Phänomen, wenn man so die Kinder sieht, wenn die 20 oder 25 Jahre später uff eenmal wiederauftauchen, nach Friedrichshagen zurückziehen, die kennste doch irgendwoher, dit is ooch so‘n schönes Phänomen.

So, das reicht jetzt mal. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Brusinsky… Na ja, na ja, sehr jerne. Die Buttermilch, die mir jetzt durch die Lappen jegangen ist, schlage ich beim Honorar mit druff.

Foto: Nicole Conrad

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-t.loy@tagesspiegel.de

+++ Diesen Text von Thomas Loy haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Treptow-Köpenick entnommen. Den gibt es in voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de

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