Nachbarschaft

Veröffentlicht am 16.11.2020 von Thomas Loy

Eigentlich viel zu labyrinthisch, das (bisherige) Leben von Tobias Unterberg, 52, aus Köpenick, da reichen die paar Zeilen im Newsletter kaum aus. Wir versuchen es trotzdem.

Der Cellist und Theatermusiker empfängt seine Gäste in einer klassischen Altbauwohnung mit breiten Dielen, Flügeltüren und Doppelfenstern in der Grünstraße, Alt-Köpenick. Den Blick von seinem Komponisten-Arbeitsplatz auf die Dahme haben sie ihm gerade mit einem schnöden Wohnhaus verbaut – vorher stand dort ein großes Kletternetz -, aber beim Komponieren tauche er ohnehin komplett in die jeweilige Fantasiewelt der Bühnen- oder Romanhelden ab, für die er Musik- und Tonkulissen entwirft, sagt Unterberg. Also nicht ganz so schlimm, dass der Ausblick weg ist.

Weil gerade Lockdown herrscht, verschieben sich seine aktuellen Projekte in eine ungewisse Zukunft, aber Unterberg klagt keine Sekunde über das Virus und seine gesellschaftlichen Auswüchse. In seinem Leben gab es noch ganz andere Klippen zu umschiffen. Das fing schon in der Schule an. Weil er Cello spielte und das mit Lust und viel Begabung, ließ ihn seine Mutter aufs Musikinternat nach Berlin ziehen. Dort gedieh das Musikalische so gut, dass er die Oberstufe mit Prädikat absolvierte und nach einem Studienplatz Ausschau hielt. Nur das Realsozialistische gedieh nicht so gut, so dass der Studienplatz für Musik wieder einkassiert und durch eine Lehrstelle ersetzt wurde. Aus genau drei Lehrstellen sollte er auswählen: Forstarbeiter, Messerschärfer und Optiker.

Unterbergs Musikschuldirektor hatte ein bessere Idee: Mit seinem ausgezeichneten Oberstufenabschluss im Fach Cello konnte er sich auf freie Planstellen für Orchesterjobs bewerben. So wurde Unterberg mit 16 Jahren zum jüngsten Solo-Cellisten der DDR. Das war am Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz, welches ihn zum Studium nach Dresden delegierte. Kurz bevor es losgehen sollte, meldete sich aber die NVA. Musikus Unterberg möge doch bitte zunächst die Landesverteidigung stärken, doch der entzog sich der Einberufung durch eine spontane Reise nach Berlin.

Dort ging er zur offenen Sprechstunde im Staatsrat und klagte einer Staatsvertreterin sein Leid. Die wusste zwar auch nichts Rechtes mit ihm anzufangen, schickte aber auf seinen Wunsch eine Gesprächsnotiz ans Wehrkreiskommando in der Provinz. Auf der Dienststelle war man so beeindruckt von dem Schriftstück aus Berlin, dass man dem „Fahnenflüchtigen“ mit Handschlag alles Gute wünschte und seine Einberufung vorerst zurückstellte.

Ausbürgerung im Sommer ’89. Trotzdem wollte die DDR auf ihren Cellisten Unterberg mit seinem evangelisch-lutherischen Widerspruchsgeist und einem Faible für die Umwelt- und Friedensbewegung gerne verzichten. Er solle doch bitte einen Ausreiseantrag stellen, die West-Verwandtschaft war schon lange dafür, aber Unterberg blieb stur. Dann also die Zwangs-Ausbürgerung nach West-Berlin, noch im Sommer ’89. Drei Monate später, am 9. November, war Unterberg wieder auf Kurzbesuch in Potsdam, traf seine Familie und die alten Kumpanen wieder. Schnell war klar, dass die gemeinsame Folk-Punk-Band wieder ins Leben gerufen würde. Dann aber in Berlin und diesmal richtig. Der Rest ist Geschichte.

Jetzt lassen wir mal eine größere Lücke, springen ins Jahr 2013. Damals entschied sich Unterberg, nach Jahren des Herumtourens ins beschauliche Köpenick zu ziehen, um dort heimisch zu werden. Inzwischen ist er überall im Bezirk bekannt, arbeitet eng mit dem Schlossplatztheater zusammen, komponiert Musik für Inszenierungen, Hörbücher und Hörspiele, organisiert das alljährliche Friedenskonzert in der Grünauer Friedenskirche, kümmert sich um die Après Church Konzerte im Verein Kunsthof Köpenick, ist als „Köpenicker Stadtstreicher“ hier und dort mit seinem Cello im Einsatz und freut sich, wenn die alten Türen seiner Wohnung so gruselig quietschen, dass es den Hörspielhörern in die Knochen fährt. Auch die breiten Dielen hat er schon akustisch verewigt. Glaubhaft tönende Geräusche findet man in Köpenick schließlich an jeder Ecke, Bootshörner, Straßenbahngebimmel, Marktgeplauder, Brückengeklapper, Stadionjubel. Und natürlich die Glocken der Laurentiuskirche.

Noch mehr kuriose Sachen über Unterberg erfährt man auf seiner Webseite linie1studios.de

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-t.loy@tagesspiegel.de

+++ Dieser Text stammt aus dem aktuellen Leute-Newsletter von Thomas Loy für den Bezirk Treptow-Köpenick. In voller Länge – und kostenlos – erhältlich unter leute.tagesspiegel.de. Und das sind die weiteren Themen:

  • Blindgängersuche im Müggelsee
  • Köpenicker Flüchtlingsheim unter Quarantäne
  • Aus der BVV: AfD-Stadtrat weist Rassismus-Vorwürfe zurück
  •  AfD verweigert Maskenpflicht
  •  Bezirk hat 40.000 Masken bestellt
  • Angespannte Situation in Kliniken
  • S-Bahnhof „Johannisthal“ nicht mehr zu stoppen
  • Weihachtsmärkte abgesagt
  • Protest erfolgreich: Müggelheimer Gasdruckstation wird verlegt
  •  Spielausfälle wegen Corona bei den Volleyball-Damen
  • Der Wahlkrimi vor 100 Jahren in Treptow und Köpenick