Nachbarschaft

Veröffentlicht am 04.01.2021 von Thomas Loy

Im Wissenschafts- und Technologiepark Adlershof arbeiten sechs Institute (Informatik, Mathematik, Chemie, Physik, Geographie und Psychologie) der Humboldt-Universität, dazu knapp 600 Unternehmen und acht außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, insgesamt rund 11.000 Beschäftigte. Weil Frauen in den MINT-Fächern – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – traditionell unterrepräsentiert sind, hat das Forschungsnetzwerk der IGAFA – das Netzwerk der außeruniversitären Forschungseinrichtungen – schon 2009 das „Ladies Network Adlershof“ (LaNA) mit ins Leben gerufen. Dort sind über 200 Frauen miteinander verbunden. Die LaNA-Projektmanagerin ist Sanela Schlößer, 41. Sie hat unter anderem Soziologie sowie Ost- und Südosteuropäische Geschichte an der FU Berlin studiert.

Der Frauenanteil im Führungsbereich von Instituten und Unternehmen im Technologiepark liegt seit Jahren bei rund 20 Prozent. Warum stagniert der Anteil auf diesem Niveau?

Wir schauen besonders auf die Zahlen in den wissenschaftlichen Instituten und sind sehr stolz auf den Frauenanteil, der zwischen 20 und 25 Prozent schwankt. Das ist ein vergleichsweise hoher Anteil. Dass die Zahlen nicht steigen, liegt auch daran, dass es in Adlershof schon immer relativ viele Frauen gab, die hier geforscht haben, darunter auch Kanzlerin Angela Merkel. Das ist noch eine Folge der DDR, die damals die Akademie der Wissenschaften in Adlershof angesiedelt hatte.

Wie funktioniert Netzwerkarbeit zur Karriereförderung von Frauen ganz konkret?

LaNA vereint Wissenschaftlerinnen, Frauen in Führungspositionen, Gründerinnen und Gleichstellungsbeauftragte. Wir bieten eine Reihe von Veranstaltungen an, wie z.B. den Ladies Lunch, das Frauentagsfrühstück, den Stammtisch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte sowie Workshops. Ziel ist es, den interdisziplinären Austausch zu Themen wie Förderung und Gleichberechtigung von Frauen in der Wissenschaft anzuregen und zu fördern. Beim Ladies Lunch etwa laden wir erfolgreiche Frauen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft ein, die dort über ihr Vorwärtskommen, was und wer ihnen geholfen hat, aber auch über Hürden im Beruf erzählen. Diese Beispiele machen anderen Frauen Mut, sich beruflich weiterzuentwickeln, vielleicht selbst eine Leitungsfunktion in der Wissenschaft oder Wirtschaft anzustreben.

Viele Frauen beginnen ein Studium, die meisten schließen es auch ab – auf den Führungsetagen von Instituten oder Unternehmen findet man sie aber später nicht wieder. Woran liegt das aus ihrer Sicht?

Das nennen wir die „Leaky Pipeline“, viele Frauen gehen uns auf dem Weg nach oben verloren. Zum Beispiel bei den Doktorandinnen. Die suchen sich andere Berufsfelder, die besser in ihre Lebensplanung passen und mehr Sicherheit bieten. Stellen in der Wissenschaft sind ja häufig befristet. Da geht es nicht nur, aber auch um Familiengründungen, obwohl ja eine Menge für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie getan wird, gerade in der Wissenschaft. In Adlershof gibt es viele Beispiele von Frauen, die Karriere gemacht haben, ohne auf eine Familie zu verzichten.

War das Corona-Jahr in Sachen Frauenförderung und -vernetzung in Adlershof ein verlorenes Jahr?

Auf gar keinen Fall. Wir mussten, wie alle anderen auch, neue Wege gehen und Herausforderungen meistern. LaNA hat sich demnach verstärkt um die Umsetzung von digitalen Formaten bemüht und einen Twitter-Account eingerichtet, den Stammtisch digitalisiert sowie die monatlich erscheinende Interviewreihe „LaNA stellt vor“ initiiert. Wir sind hier im Technologiepark natürlich sehr privilegiert, was die technischen Möglichkeiten der Umsetzung betrifft.

Im Bezirk Treptow-Köpenick ist der Frauenanteil an der Spitze von Parteien, Vereinen und Unternehmen auch noch ausbaufähig. Die Bezirksverwaltung versucht, mit diversen Kursangeboten und Projekten, einem Frauenzentrum, Preisen für engagierte Mädchen und familienunterstützende Unternehmen, einer Jobwerkstatt für Mädchen, einem Stammtisch für Unternehmerinnen usw. entgegenzuwirken. Da gibt es also viel Input, aber kommt da am Ende auch genug heraus?

Die Veränderungen sind nur langsam spürbar. Was wie ein großes Puzzle aus Frauen und Familien fördernden Maßnahmen erscheint, baut aufeinander auf und ergänzt sich. Ziel ist doch, dass es gleiche Chancen für alle geben soll. Initiativen, Netzwerke und Maßnahmen helfen, auf strukturelle und soziale Hindernisse, die eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie erschweren, hinzuweisen sowie Vorurteile bei der Gleichstellung von Frauen und Männern abzubauen.

Die AfD hält Frauenförderung per se für Geldverschwendung. Allenfalls führe das zu einer Diskriminierung von Männern. Was halten Sie dem entgegen?

Auf uns sind diese Politiker*innen noch nicht zugekommen. Wir haben mit der AfD keine Berührungspunkte.

Was sind Ihre Ziele für 2021?

LaNA weiter ausbauen und hoffentlich wieder mehr Veranstaltungen in Präsenzformaten anbieten.

Wie ist ihre private Sicht auf den Bezirk Treptow-Köpenick?

Auch wenn ich in Treptow-Köpenick nur arbeite, bin ich gerne hier. Die Wissenschaftsstadt Adlershof ist infrastrukturell gut ausgebaut, das gastronomische und kulturelle Angebot wächst und zu einer Mittagspause im Grünen lädt der Landschaftspark Johannisthal / Adlershof ein. Mein Wohnort ist allerdings ein Stück entfernt, in Lichterfelde-West.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-t.loy@tagesspiegel.de