Nachbarschaft
Veröffentlicht am 18.01.2021 von Simone Jacobius
Rüdiger Kußerow (63), Obermeister der Bestatterinnung lebt mit seiner Frau in Köpenick, hat sein Bestattergeschäft aber in Neukölln. Seit 30 Jahren führt er das Geschäft bereits – und zwar in dritter Generation. Doch sein Arbeitsalltag ist zurzeit ganz anders.
Haben Sie jetzt mehr zu tun als früher? Seit Mitte Dezember explodieren die Zahlen, wir haben etwa 50 Prozent mehr Tote als normalerweise in dieser Zeit. Vor allem in den Heimen gibt es kein Halten mehr. Derzeit ist es zwar etwas ruhiger geworden, aber noch immer haben wir jeden Tag Coronatote. Die Krematorien in Berlin sind randvoll, die Särge stapeln sich dort. Aber das hat weniger mit den Krematorien selbst als mehr mit den Standesämtern zu tun. Treptow-Köpenick hat eins der modernsten Krematorien Europas. Aber die Toten können erst bestattet oder verbrannt werden, wenn die Sterbeurkunde vorliegt. Treptow-Köpenick ist da sehr schnell, nach einer Woche haben wir alles zusammen. In Pankow müssen wir etwa zwölf Wochen warten, in Mitte zehn bis zwölf. Der Rat der Bürgermeister hat jetzt schon angeordnet, dass Sterbeurkunden vorrangig behandelt werden sollen.
Wie schützen Sie sich und Ihre Mitarbeiter? Wenn es sich um mit oder an Corona Verstorbene handelt, arbeiten wir im Vollschutz mit Visier und Maske. Wenn der Tote bewegt wird, können nämlich Gase ausgestoßen werden, die das Virus in sich tragen. Die Leichen werden deshalb mit Desinfektionstüchern abgedeckt und in eine Schutzhülle gelegt.
Woher wussten Sie, wie Sie in dieser Pandemie-Situation handeln müssen? Wer den Beruf drei Jahre lang gelernt hat, hat auch etwas über Infektionsleichen gelernt – das kann jetzt auf Corona angewandt werden. Leider mangelte es anfangs am nötigen Material, aber das ist jetzt auch vorbei. Dumm ist nur, dass die Bestatterausbildung eine freiwillige ist, man also auch einfach ohne Ausbildung ein entsprechendes Gewerbe anmelden kann. Die haben das natürlich nicht gelernt, sind aber auch nicht Mitglied in der Innung. Schwarze Schafe schlagen auch gerne mal unter dem Passus „Extra-Schutzmaßnahmen” horrende Kosten drauf. Gerechtfertigt sind nur etwa 200 bis 300 Euro. Also lieber nochmal ein Zweitangebot einholen, wenn der Preis zu teuer erscheint.
Wie wird man eigentlich Bestatter, muss man da eine besonders traurige Veranlagung haben? Nein (lacht herzhaft). Wir sind Menschen wie jeder andere, nur mit mehr Einfühlungsvermögen und Empathie ausgestattet. Unsere Arbeit hat etwas Seelsorgerisches. Die meisten von uns hatten vorher schon einen Bezug zu dem Beruf, sind hineingeboren worden, so wie ich, haben ein Praktikum im Hospiz gemacht oder ähnliches.
Und was wünschen Sie sich jetzt? Erstmal eine Impfung für uns als Gefährdete. Schließlich arbeiten wir direkt am Infizierten. Und dann, wenn alles vorbei ist, eine schöne weite Reise – ganz ohne Maske.
Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: simone.jacobius@extern.tagesspiegel.de