Nachbarschaft
Veröffentlicht am 22.02.2021 von Thomas Loy
Vertrösten, das kann auch eine Menge Arbeit machen. „Die rufen hier pausenlos an.“ Fahrschulunternehmer André Wittek aus Oberschöneweide ist vor allem damit beschäftigt, seinen Fahrschülern zu erklären, dass er ihnen nichts sagen kann. Vor allem nicht, wann es wieder losgeht mit dem theoretischen Unterricht und den Fahrstunden. Am 10. Januar mussten alle Berliner Fahrschulen schließen. Die Verordnung kam mit einigen Wochen Verspätung – „man hatte uns vergessen“.
Schwer einzuordnen. Fahrschulen fallen nicht unter „körpernahe Dienstleistungen“ wie die Friseure. Als berufsbildende Schulen könnte man sie sehen, das möchte aber die Verwaltung nicht, sagt der Vorsitzende des Berliner Fahrlehrer-Verbandes, Peter Glowalla. Zeitweise seien sie unter die Veranstaltungsbranche subsumiert worden, aber auch das setzte sich nicht durch. In der aktuellen Verordnung steht jetzt ausdrücklich drin: „Fahrschulen, Bootsschulen, Flugschulen und ähnliche Einrichtungen dürfen weder für den Publikumsverkehr geöffnet werden noch ihre Dienste anbieten.“ Der Senat gönnte seinen eigenen Dienststellen bzw. Unternehmen wie Polizei oder BVG aber eine Ausnahme: „Fahrerlaubnisse durch Angehörige kommunaler Unternehmen oder staatlicher Stellen zu dienstlichen Zwecken.“
„So war das ja gar nicht gedacht…“ Laut Wittek sind vom Jobcenter geförderte Fahrschüler, die die Fahrerlaubnis für eine Jobbewerbung brauchen, aber weiterhin vom Lockdown-Erlass betroffen. Ein betroffener Fahrschüler habe ihm mal eine Durchwahlnummer in die Staatskanzlei gesteckt. Wittek rief da einfach mal an. Eine Frau nahm ab und habe ganz verwundert geklungen: „So war das ja gar nicht gedacht.“ Der Frust von Wittek und seinen Kollegen – in Berlin gibt es laut Verband etwa 1400 Fahrlehrer – entzündet sich vor allem daran, dass das Nachbarland Brandenburg seine Fahrschulen weiter offen lässt. Einige Fahrschüler, die bei ihm als Dekra-Sachverständige ausgebildet wurden, seien schon abgewandert.
Die Pandemie ist der erste große Einschnitt für Witteks Fahrschulunternehmen. „Ich war einer der ersten, die nach der Wende angefangen haben“, sagt der 55-Jährige. Eigentlich studierte er Bauingenieurwesen, aber weil er noch zu DDR-Zeiten eine Ausbildung zum Fahrlehrer gemacht hatte und der Bedarf groß war, eröffnete er in einer Wohnung in der Wilhelminenhofstraße seine Fahrschule, im März 1990. „Wenn ich auf den Balkon gegangen bin, konnte ich das Ende der Schlange sehen“. Das waren die Fahrschulanwärter, die auf einen Ausbildungsplatz hofften.
Nach 14 Monaten holte er sich seinen ersten Mitarbeiter, inzwischen sind es 20 an zwei Standorten. Gegenwärtig drehten rund 800 bis 1000 Schüler ihre Warteschleifen, sagt Wittek, vielen gehe langsam die Fahrpraxis wieder verloren oder die Theorie. Oder beides. Die theoretischen Prüfungen würden weiterhin in Präsenz abgenommen, aber der Unterricht fehle eben. „Inzwischen ist auch Online-Unterricht im Gespräch“, aber Wittek ist kein wirklicher Fan davon. Der Präsenzunterricht sei nicht zu ersetzen, sagt er.
Frau und Sohn sind fest in den Fahrschulbetrieb integriert, auch seine Tochter helfe regelmäßig aus, ein richtiges Familienunternehmen. So kennt er das auch von früher, seine Eltern hatten einen Tante-Emma-Laden im Bötzowviertel, erzählt er. Aber jetzt sind seine 20 Mitarbeiter alle auf Kurzarbeit, sowas gab es früher nicht. Nur Wittek arbeitet weiter und hofft, dass es bald wieder richtig losgeht. (Das Thema hat es auch in den Tagesspiegel geschafft.)
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