Nachbarschaft

Veröffentlicht am 10.05.2021 von Thomas Loy

Politik macht er schon lange, hat sich so ergeben in der Wendezeit. Bertram Wieczorek ist nach einer abwechslungsreichen Berufslaufbahn eigentlich in einem Alter, das viele zum Reisen und Faulenzen nutzen. Mit 70 hat der gelernte Arzt und ehemalige Staatssekretär im Bundesumweltministerium mit Wohnsitz in Wendenschloß aber noch andere Pläne. Er will in die Bezirksverordnetenversammlung einziehen, als Spitzenkandidat der CDU. Was ihn daran reizt, erzählt er hier.

Ihre Biografie liest sich wie eine Achterbahnfahrt. Also mit mit vielen Kurven, mal rauf, mal runter. Wie erklären Sie sich das? Also mein Leben war keine Achterbahn. Zunächst einmal habe ich das ganz normale Leben eines in der DDR eingesperrten Bürgers geführt. Ich habe Medizin studieren dürfen, in Berlin, hatte aber keine Chance zu bleiben, weil mir das Abzeichen mit den beiden Fäusten am Jacket fehlte, bin dann nach Sachsen runter, ins Vogtland, habe dort insgesamt 40 Jahre gearbeitet. Erst in der Allgemeinmedizin, dann Kinderheilkunde. 1987 habe ich ein großes Rehabilitationszentrum aufgebaut für geistig und körperlich Schwerstbehinderte. Und dann kam die Wende, und ich war schon lange vor der Wende in einem Kreis von Ärzten, die sehr unzufrieden waren mit den gesellschaftlichen Verhältnissen. Wir haben im Oktober 1989 eine Bürgerinitiative gegründet, haben viele Menschen auf die Straße gebracht, und dann kam irgendwann mal die Frage der ersten demokratischen Wahl in der Volkskammer. Und da haben alle gekniffen, alle guckten nur auf ihre eigene Zukunft und Karriere, und ich sagte dann, also gut, okay, dann bewerbe ich mich für die Volkskammer…

als CDU-Kandidat… Genau, ich kam in Karl-Marx-Stadt damals auf den letzten Platz. Mich kannte ja keen Mensch, und ich dachte, die SPD wird ja sowieso die Wahl gewinnen. Dann hat sich ja alles erledigt, dachte ich. Es kam leider anders. Ich traf einen alten Bekannten von mir, den Lothar de Maizière, wir haben mal in den 60er Jahren zusammen Musik gemacht. Der sagte dann, wir brauchen dich, du musst in den Fraktionsvorstand und dann war ich plötzlich der Stellvertreter von Günther Krause. Nicht viel später wurde ich dann Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium, von de Maizière persönlich berufen. Ich war sozusagen der Aufpasser von Rainer Eppelmann, dem Verteidigungsminister. Das war eine wahnsinnig interessante, aufregende Zeit. Nach der Bundestagswahl 1990 kam Helmut Kohl auf mich zu, ich sollte Staatssekretär im Gesundheitsministerium werden, was ich sehr gern gemacht hätte, landete aber im Umweltministerium bei einem ganz tollen Minister, Klaus Töpfer. Der hat mir die Verantwortung übertragen, die gesamte Industrie im Osten zu evaluieren. Also ich kannte jeden Schacht von der Wismut, jedes Kernkraftwerk, jede Chemieanlage. Und dann haben wir angefangen, Sanierungsprogramme aufzustellen, die Industrie neu zu formieren, auch gegen den erbitterten Widerstand vieler westdeutscher Unternehmen.

Und wie kamen Sie dann zu den Berliner Wasserbetrieben? Ich wurde Ende 1993 ins Kanzleramt gebeten, und da wurde mir mitgeteilt, dass Eberhard Diepgen in Berlin einen Vorstandsvorsitzenden für die Berliner Wasserbetriebe sucht. Eine Integrationsfigur zwischen Ost und West, weil die Leitungsebene hoffnungslos zerstritten und verfeindet war. Ich kam also nach Berlin, und es begann für mich die schönste, interessanteste Zeit meines Lebens. Wir haben das Unternehmen völlig neu aufgestellt, auch international. Und dann kam die berühmte Annette Fugmann-Heesing, Finanzsenatorin, SPD, die alles verkaufen wollte. Das nannte sich Teilprivatisierung, ich habe noch mit anderen Parteien dagegen geklagt, aber leider verloren. Ich musste dann halt gehen.

Was die CDU anbelangt, sieht ihre Bilanz bisher so aus: Dreimal eingetreten, zweimal ausgetreten. Das müssen Sie erklären. Die CDU in der DDR war ja ein Mist-Verein, aber er hat mir meine Zukunft gerettet. Ich sollte als IM geworben warden von der Stasi, was misslang, aber es wurde weiter Druck auf mich ausgeübt. Deshalb bin ich in die CDU, dann konnten sie mir weltanschaulich nicht mehr an den Kragen. Ich bin dann 1989 wieder ausgetreten, weil ich die Schnauze voll hatte. Dann kamen Freunde auf mich zu und sagten, wir wollen jetzt hier aufräumen in der CDU, machste mit? Und da ich Preuße bin und nicht kneife, bin ich wieder eingetreten. Ausgetreten bin ich allerdings dann, als ich wieder nach Berlin ging, zu den Wasserbetrieben. Das hat man mir in Sachsen sehr, sehr übel genommen, und hat mich dann auch wirklich gemobbt. Vor drei Jahren habe ich dann einen alten Freund getroffen, und der hat dann gesagt: Mensch, Bertram, komm doch wieder.

Haben Sie denn aus ihrer Zeit als Staatssekretär in Bonn auch einen Draht zur ehemaligen Bundesumweltministerin Angela Merkel? Wir kennen uns seit vielen Jahren, haben uns aber schon länger nicht mehr gesehen. Es gibt ein schönes Foto von uns, das hängt bei mir im Arbeitszimmer. Und zwar gab es damals, Anfang der 90er, einen Umwelttag, da wurde überall in den Wäldern aufgeräumt, Schrott und Abfall rausgeholt. In der Wuhlheide lagen alte Motorräder herum, da haben wir zusammen angepackt.

Wir müssen mal kurz ihren Wikipedia-Eintrag korrigieren: Dort steht: Ist verheiratet und hat zwei Kinder. Ich glaube, es sind fünf Kinder und drei Ehefrauen, oder? Richtig, stimmt aber nur numerisch. Die Frau, mit der ich jetzt seit über zehn Jahren verheiratet bin, ist die Frau, mit der ich als junger Mensch vier Jahre zusammen war, die immer heiraten wollte. Leider hat uns das Schicksal auseinandergetrieben. 2007 haben wir uns wiedergesehen, haben uns einmal in die Augen geguckt und dann war alles klar. Wir sind sehr, sehr glücklich und genießen jeden Tag miteinander.

Dann kommen wir mal zu ihren politischen Ambitionen im Bezirk, was streben Sie denn für ein Amt an? Gar keins, ich würde mit 70 Jahren auch gar keins mehr kriegen. Es ist uns gelungen, eine junge Truppe aus neuen und auch erfahrenen BVV-Mitgliedern zusammenzustellen. Und wir haben jetzt endlich auch mal einen ordentlichen Frauenanteil in unserer Mannschaft. Ich sehe meine Aufgabe darin, meine politischen Erfahrungen einzubringen. Deshalb kandidiere ich als Fraktionsvorsitzender und werde mich auch nach der Legislatur wieder zurückziehen, vielleicht auch früher, wenn wir eine gute Nachfolgerin oder einen guten Nachfolger für mich finden.

Was sind denn die Themen, die sie momentan beschäftigen und die Sie im Bezirk bearbeiten möchten? Ich bin jetzt dabei, Rundreisen zu machen, war schon in einigen Stadtteilzentren, und ich bin zu der Erkenntnis gekommen: Dieser per Dekret zusammengewürfelte Bezirk hat überhaupt keinen inneren Zusammenhalt. Also zwischen Treptow und Köpenick gibt es eigentlich weder emotional noch rational eine Verbindung, und deshalb ist es mir unheimlich wichtig. die Stadtteilzentren und die Ortsteilzentren zu entwickeln. Das hat auch mit Umwelt und Klimaschutz zu tun. Ich möchte Zentren der kurzen Wege, um Verkehre abzubauen, damit die Menschen dort, wo sie leben, auch das finden, was sie zum Leben brauchen. Also mit allen Bereichen bis hin zur Kultur versorgt werden. Und mit einem deutlich verbesserten ÖPNV, wenn sie doch mal woanders hin wollen.

Foto: Patricia Kalisch

  • Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-t.loy@tagesspiegel.de