Nachbarschaft

Veröffentlicht am 23.08.2021 von Thomas Loy

Er ist einer der klügsten Köpfe im Bundestag. Und in Treptow. Fritz Felgentreu, 52, ist klassischer Philologe, beherrscht Latein und Griechisch, hat an verschiedenen Unis unterrichtet und auch ein paar Jahre als Lehrer am evangelischen Gymnasium zum Grauen Kloster in Schmargendorf. In Neukölln hat er für die SPD zweimal hintereinander das Direktmandat für den Bundestag geholt, fühlte sich aber auch für Treptow-Köpenick mitzuständig, weil er in Baumschulenweg lebt. Felgentreu war lange Zeit Verteidigungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion und mehrfach in Afghanistan.

Das Afghanistan-Desaster hat viele Menschen schockiert. Alle Regierungsstellen, die sich mit diesem Auslandseinsatz beschäftigen, haben erklärt, die schnelle Eroberung durch die Taliban sei so nicht vorhersehbar gewesen. Was ist Ihr Statement dazu? Also ich hatte wirklich schon lange die Sorge, dass, wenn die Amerikaner wirklich abziehen, das Land relativ schnell kollabieren könnte. Man musste unterschiedliche Szenarien einfach vor Augen haben, und eins davon war aus meiner Sicht immer der schnelle Zusammenbruch. Dafür braucht man dann eben auch Reaktionsmöglichkeiten, auf die man vorbereitet sein muss. Aber ich kann ja von mir nicht behaupten, dass ich besser informiert wäre als beispielsweise die Bundesregierung. Ich habe einfach erlebt, wie das ist, wenn ein System zusammenbricht, etwa die DDR. Und dass es dann, wenn es gegen Ende geht, auf einmal ganz schnell gehen kann. Und deswegen habe ich diese Möglichkeit in Afghanistan immer in Betracht gezogen. Auch weil ich bei meinen Besuchen dort die einfachen Soldaten der afghanischen Armee gesehen habe. Allein von ihrem Auftreten her, von der Art, wie sie sich gegeben haben, war für mich klar, dass die keine intrinsische Motivation hatten. Wenn der mentale und der materielle Rückhalt weg ist für so eine Truppe, kann sie schnell auseinanderfallen.

Hätte es denn eine Alternative zum Abzug der Amerikaner gegeben, der zwingend zur Folge hatte, dass sich auch die Bundeswehr zurückzieht? Die Alternative wäre gewesen: Open End. Also auf unabsehbare Zeit da bleiben. Das hätte man dann auch offen diskutieren und prüfen müssen, ob in der eigenen Gesellschaft, also in diesem Fall der amerikanischen, der politische Wille dazu da ist. Und der war eben nicht mehr da. Von dem Zeitpunkt an war auch klar, dass die Taliban im Prinzip gewonnen hatten. Ohne die US-Präsenz war dieses fragile Staatsgebilde nicht lebensfähig. Und das heißt, die Amerikaner hätten diese Präsenz dauerhaft aufrecht erhalten müssen. Das gilt für uns genauso. Ich glaube, dass tatsächlich die bloße Anwesenheit der Bundeswehr in der Region Masar-e Scharif mental starke Wirkung hatte. Die haben ja am Schluss gar nicht mehr viel gemacht. Die Ausbildung der afghanischen Armee lief nur noch in einer ganz rudimentären Form ab und zum großen Teil online, auch wegen Corona, es gab kaum noch direkte Kontakte zwischen Ausbildern und den afghanischen Sicherheitskräften.

Haben Sie Kanäle nach Afghanistan, die Informationen liefern? Ich verfolge das sehr aufmerksam via Twitter, es gibt Kontakte über die Friedrich-Ebert-Stiftung und auch über die Bundeswehr. Die beschweren sich vor allen Dingen darüber, dass Deutschland bei der Erfüllung der Zusage, sich um die Ortskräfte kümmern zu wollen, extrem bürokratisch und langsam gewesen ist. Ich glaube, das ist ein berechtigter Vorwurf.

Für viele Beobachter ist der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr über 20 Jahre letztlich gescheitert – wie bewerten Sie das? Ich glaube, man muss differenzieren. Die Bundeswehr vor Ort hat ihren Auftrag erfüllt. Da passt der Begriff des Scheiterns nicht. Der Krieg in Afghanistan insgesamt ist am Ende abgeblasen worden, hat mit einer Niederlage geendet. Aber ich glaube, dass man das nicht dem deutschen Einsatz vor Ort anlasten kann. Am Ende hatten die Taliban den längeren Atem. Ich glaube, Deutschland hätte noch länger durchgehalten. Aber unser Einsatz hing einfach am amerikanischen. Und die Amerikaner waren kriegsmüde, was man ihnen auch nicht verdenken kann.

Gehen wir mal zurück nach Deutschland. Der Wahlkampf ist voll entbrannt, und Sie beobachten das nur noch am Rande, oder? Ja. Ich bin kein aktiver Wahlkämpfer mehr. Ich unterstütze natürlich meine Partei in Neukölln und freue mich, dass die Umfragen wieder ein bisschen zugelegt haben und dass das Vertrauen zu Olaf Scholz und Franziska Giffey offensichtlich da ist. Aber ich selber konzentriere mich jetzt mehr darauf, meine Arbeit im Bundestag ordentlich zu Ende zu bringen. Da gibt es immer noch genug zu tun.

2013 hatte der Tagesspiegel zum Auftakt Ihrer Bundestags-Karriere notiert, Fritz Felgentreu wolle sich vor allem um Bildungspolitik kümmern. Es ist dann aber die Verteidigungspolitik geworden. Ja, ich war ja im Familienausschuss, vier Jahre lang, war eine tolle Zeit, habe auch ein paar gute Sachen machen können. Aber nach meiner Wiederwahl 2017 wurde ich dann zum Verteidigungspolitischen Sprecher gewählt. Das ließ sich dann einfach vom Arbeitsaufwand nicht mehr unter einen Hut bringen. Deswegen habe ich mich aus dem Familienausschuss zurückgezogen. Die Sprecherrolle hat mich natürlich auch gereizt. Außerdem hatte ich als Obmann der SPD im Untersuchungsausschuss zum Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz alle Hände voll zu tun.

Dann springen wir mal ins Jahr 2020. Im Juni kam die Ankündigung, dass Sie nicht mehr kandidieren wollten. Was hat denn dazu geführt? Die Lebensplanung im Wesentlichen. Ich dachte, 20 Jahre als Abgeordneter sind genug.

In den Medien klang das etwas anders, da hieß es, Sie hätten den Rückhalt in der Neuköllner SPD verloren. Dort hätten die Parteilinken die Oberhand gewonnen. In den Medien gibt es ja immer das Bedürfnis, solchen Entscheidungen einen Überbau zu geben, aber der war in der Realität nicht vorhanden. Ich hatte mich in der Vergangenheit auch immer wieder gegen linke Kritiker in meiner eigenen Partei durchsetzen können. Das hätte mich jetzt nicht verschreckt. Wir waren 2017 in Neukölln gemeinsam erfolgreich und ich glaube, dass wir das auch dieses Jahr hätten wiederholen können. Aber das war nicht der ausschlaggebende Grund.

Warum wollen Sie denn nach 20 Jahren Politik aussteigen? Ich bin 1992 in die SPD eingetreten und vom ersten Tag an aktiv gewesen. Das hat viel Kraft gekostet, aber mir natürlich auch großartige Mitwirkungs- und Gestaltungsmöglichkeiten verschafft im Laufe der Zeit. Die Art, wie ein Parlamentarier arbeitet – wie in jedem anderen Beruf auch – das wiederholt sich dann irgendwann. Und ich hatte einfach das Gefühl, dass das nun der richtige Zeitpunkt ist, wenn man noch mal was Anderes machen möchte. Ich habe ja in meinem Beruf als Lehrer nur ganz kurz gearbeitet, das hat mir aber großen Spaß gemacht.

Also zurück in den Schuldienst. Genau.

Als Student und Doktorand haben Sie in der Leinestraße, Neukölln, gewohnt, später sind Sie nach Baumschulenweg umgezogen. Was ist denn an diesem Kiez so beneidenswert und was stört eher? Was ich schön finde, ist einfach die Nähe zur Spree und zum Plänterwald. Wir konnten da unsere drei Kinder gut großziehen, die Schulen sind gut. Es gibt gute Einkaufsmöglichkeiten, man kann viele Dinge zu Fuß erledigen. Also das ist alles prima.

Und jetzt die Sachen, die nicht so prima sind. Die Baumschulenstraße hat zu viel Verkehr, oder? Ja, die ist laut. Der Uferweg am Britzer Verbindungskanal ist immer noch nicht befestigt, aber das sind Kleinigkeiten. Wir leben nun mal in einer großen Stadt.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-t.loy@tagesspiegel.de