Nachbarschaft

Veröffentlicht am 24.01.2022 von Thomas Loy

Frau Höppner und Frau Igel? „Kenn‘ ich nicht“, sagt der junge Mann am Empfang. Seine Kollegin hilft weiter, „er meint Rita und Monika. Die sind in der Küche und putzen den Backofen.“ Monika Höppner, 74, ehemalige Bürgermeisterin von Köpenick (links im Bild), und Rita Igel, 66, die Mutter vom jetzigen Bürgermeister von Treptow-Köpenick, absolvierten am Freitag ihre reguläre Schicht im Impfzentrum des Bezirks in der Villa Offensiv in Schöneweide. Kurz nach elf gibt es wenig zu tun, niemand will sich boostern lassen. Monika Höppner hat ersatzweise Blechkuchen fürs Team gebacken, mit Mandeln, kommt gerade frisch aus dem Backofen.

Rente und noch ein Gehalt. Rita und Monika haben sich gemeldet, als der Bezirk dringend Personal für sein Impfzentrum suchte. Seit Jahresbeginn sind sie im Einsatz. Eigentlich wollten sie ehrenamtlich helfen, aber sie sind nun mal vom Fach, können selber impfen, da müsse alles vertraglich und versicherungstechnisch abgesichert sein, erzählt Monika Höppner. Nun kriegen sie neben ihrer Rente eben noch ein Gehalt.

Piksen, das haben die beiden gelernt. Sie war mal „Blutschwester“ im Krankenhaus Köpenick, erklärt Monika und merkt, dass der Begriff ein wenig an Gruselfilme aus dem vorigen Jahrhundert denken lässt. „Also ich habe da Blut abgenommen“, als gelernte Krankenschwester. Sagt man heute auch nicht mehr. Rita Igel hat das Spritzen in der Ausbildung zur Arzthelferin gelernt. Heißt heute auch anders. Egal.

Klares Dementi. Dass ihr Sohn, Bürgermeister Oliver Igel (SPD), ein wenig nachgeholfen habe bei der Personalfindung, dementiert seine Mutter vehement. Sie habe die entsprechende Pressemitteilung des Bezirksamts aufs Handy geschickt bekommen und nicht lange überlegt. „Ich habe den Oli angerufen und gefragt, ob das noch aktuell sei. Ja,ja, sagte er.“ Auch Monika verfolgt natürlich das Geschehen im Bezirk und die Presseveröffentlichungen. Kennengelernt haben sich die beiden dann erst in der neuen Arbeitsstelle.

Sinnvoller Job. Anfang Januar sah es hier noch anders aus, da standen die Leute zeitweise Schlange. Dass man sich ohne Termin in Schöneweide impfen lassen könne, wüssten viele im Bezirk nicht, das sei immer noch ein Geheimtipp, sagt Monika. Sie wolle jedenfalls mithelfen, dass es mit dem Impfen vorangeht, und freut sich über diesen sinnvollen Job. Sie seien hier „Mädchen für alles“, sagt Rita, vom Empfang der Impfwilligen, dem Check der Unterlagen bis hin zum entscheidenden Piks.

Fußball mit Enkel Felix. Hauptamtlich sind die beiden Damen im Dienste ihrer Familien unterwegs. Rita spielt mit ihrem Enkel Felix, 8 Jahre alt, im eigenen Garten in Schöneiche Fußball, natürlich erst nach den Schularbeiten. Ihr Sohn sei als Bürgermeister ja zu sehr eingespannt. Als er ihr damals erklärte, er wolle Bürgermeister werden, vor rund elf Jahren, sei sie fast vom Stuhl gefallen. „Die ganze Arbeit und dann die Verantwortung.“ Aber sehr stolz war sie natürlich auch, als er dann tatsächlich gewählt wurde.

Politik mit der SPD. Monika Höppner wurde im Mai 1990 Bürgermeisterin von Köpenick, als erste Frau überhaupt und erstmals wieder demokratisch legitimiert. Damals war ja „unbelastetes“ Personal knapp. Viele mit Stasi-Hintergrund waren vorher noch schnell eingestellt worden, erinnert sie sich. Die galt es dann, möglichst geräuschlos wieder aus ihren Ämtern zu befördern. Die ganze Verwaltung musste umgekrempelt, die neuen Gesetze angewendet werden. Als das weitgehend erledigt war und der Fokus sich stärker auf den Fortbestand der kränkelnden Industrie im Bezirk richtete, gab die SPD einem anderen den Vorzug: Klaus Ulbricht.

Arbeit mit Obdachlosen. Monika Höppner arbeitete wieder als Sozialarbeiterin und kümmerte sich um Wohnungslose, zuerst in Reinickendorf, dann in Neukölln. „Das war menschlich angenehm“, sagt sie. Nebenher waren drei Kinder zu versorgen, ein großer Garten, in dem sich immer alle Freunde der Kinder trafen, und ein Segelboot. „Es gibt keine Langeweile bei mir.“ Damit das auch so bleibt, sollten sich jetzt alle Ungeimpften schleunigst auf den Weg nach Schöneweide, Hasselwerderstraße 38-40, machen. Geöffnet ist das Impfzentrum immer von 10 bis 18 Uhr. Ende des Monats soll es außer Betrieb gehen.

Was sonst noch los ist im Bezirk: +++ Helga-Hahnemann-Schwimmbad? +++ Loveparade-Gutachter vermittelt im Streit um die Dörpfeldstraße +++ Stadtplaner schreiben „Überlastungsanzeige“ +++ Omikron-Welle schwappt ins Bezirksamt +++ Inzidenz steigt über 1000: „Lage ist dramatisch“ +++ 824 Unfälle in zehn Jahren auf der Dahlwitzer Landstraße +++ CDU sucht nach neuem Wohnmobilstandort +++ Wasserturm der Dampflokfreunde für drei Millionen Euro saniert +++ Grundschule Grüne Trift wird reaktiviert +++ „Gründungsvater“ des Industriesalons Schöneweide gestorben +++

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