Nachbarschaft

Veröffentlicht am 29.04.2024 von Simone Jacobius

Was macht Ana-Maria Trăsnea, die Ex-Bundestagsabgeordnete aus Treptow-Köpenick,  jetzt?

Bei der Wiederholungswahl für den Bundestag im Februar verlor die jüngste Bundestagsabgeordnete der SPD ihr Mandat. Nur neun Monate hatte sie im Parlament mitwirken können, dann musste sie ihren Platz aufgrund zu geringer Wahlbeteiligung räumen. „Es war mir eine Ehre, als erste Frau aus Treptow-Köpenick im Bundestag die Menschen hier vertreten zu dürfen“, sagte sie bei ihrem Abschied. Wir haben die 30-Jährige getroffen, um mit ihr über ihre Wünsche und Ziele für die Zukunft zu sprechen.

Neustart. „Ich hatte nach der historischen Wiederholungswahl erstmal damit zu tun, mich wieder neu zu sortieren. So musste ich unter anderem mein Büro mit fünf Mitarbeitern auflösen, auch keine einfache Sache“, erzählt sie. Zudem ging der Verlust ihres Mandats noch mit einem persönlichen einher: Sie erlitt eine Woche nach der Wahlwiederholung eine Fehlgeburt. Ein Schicksalsschlag. „Aber einer, der jeder dritten Frau passiert und ein Thema, das immer tabuisiert wird. Deswegen habe ich mich dazu entschieden, daraus kein Geheimnis zu machen“, sagt sie mit fester Stimme. Es ist nur eines der Themen, die sie angehen möchte.

Einsatz. Denn eines ist klar für die junge Köpenickerin, die auf der Emmy-Noether-Schule ihr Abitur mit einem Schnitt von 1,5 machte und danach Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder studierte: Sie will sich weiterhin für die Menschen einsetzen, die keine Lobby haben – Kinder, Jugendliche, Alleinerziehende und ältere Menschen. Aber sie will auch die Bedürfnisse der Frauen sichtbar machen und sich dafür einsetzen. So konnte sie beispielsweise in ihrer Zeit als Kommunalpolitikerin – ab 2016 war sie jüngstes Mitglied in der Bezirksverordnetenversammlung – die Fraktion davon überzeugen, sich für ein Frauenzentrum einzusetzen.

Selbstfindung. Doch nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag und dem Verlust des Babys musste Ana-Maria Trăsnea erst einmal wieder zu sich selbst finden. „In den vergangenen vier Jahren habe ich immer nur Krisenmanagement betrieben, mit 60 bis 90 Arbeitsstunden die Woche. Es waren sehr intensive Jahre. Aber die Fehlgeburt hat mir auch gezeigt, dass ich meinen Lebensstil überdenken muss”, sagt sie.

Vorsitz. Dennoch ist sie seit dem 22. März eine der beiden Vorsitzenden der SPD-Frauen Berlin. Dort setzt sie sich für mehr Gleichstellung ein, schreibt Anträge, liefert den Entscheidungsträgern Hintergrundinformationen. „Es ist spannend zu sehen, in welch unterschiedlichen Bereichen Frauen benachteiligt sind, beispielsweise auch in der Stadtentwicklung. Wir leben einfach in einer Welt, die von Männern gestaltet wird. Es fängt schon beim unterschiedlichen Wärmeempfinden an – für Frauen müsste die passende Raumtemperatur bei 22/23 Grad liegen“, nennt sie Beispiele. Aber auch im Bundestag müsse sich etwas ändern. Dort stoßen Frauen mit Babys oder auch Schwangere einfach auf Probleme, „nirgends ist geregelt, wie mit ihnen zu verfahren ist. Es steht nur in der Ordnung, dass Kinder im Plenum verboten sind.“

Leben. Vieles, für das sie sich heute einsetzt, hat mit ihrer eigenen jungen, aber einprägsamen Geschichte zu tun. Ana-Maria Trăsnea wurde 1994 in Piatra-Neamţ – eine Stadt in der Nähe der Ostkarpaten – in Rumänien geboren. Die ersten 13 Jahre ihres Lebens verbrachte sie dort. „Meine alleinerziehende Mutter nutzte die Freiheiten der Europäischen Union, um mir und meiner Schwester bessere Chancen auf ein gutes, selbstbestimmtes und würdiges Leben zu ermöglichen”, erklärt sie. Bevor sie nach Deutschland auswanderten, lernten die beiden Mädchen vier Monate lang dreimal die Woche Deutsch.

Ankommen. „Die erste Zeit am Gymnasium in Berlin hatte ich trotzdem immer mein Wörterbuch dabei oder bat die Lehrer um Synonyme“, erinnert sie sich. Es war schwer für sie am Anfang. Als einzige Ausländerin in der Klasse wurde sie damals schon beschimpft, mit Steinen beworfen oder beklaut. „Ich habe das Thema immer wieder angesprochen. Es gab auch sehr engagierte Lehrkräfte, die mir immer wieder den Rücken gestärkt haben”, sagt sie.

Demokratie. Ana-Maria Trăsnea hat gelernt, sich durchzubeißen, sich für die Sachen einzusetzen, die ihr wichtig sind und waren. Dazu gehört auch die Demokratie. Sie hat den Vergleich einer „Schein-Partizipation” in Rumänien und einer gelebten Demokratie in Deutschland. „Hier lernte ich schon in der Schule, dass sich Engagement lohnt.“ Über das Amt der Klassensprecherin wurde sie schon in der neunten Klasse zur stellvertretenden Schulsprecherin. „Ich bin kein Opfer. Ich habe immer gekämpft und an die Demokratie geglaubt.“ Sie möchte vor allem auch Frauen mit Migrationsgeschichte dabei unterstützen, den Weg in die Politik zu gehen.

Grenzen. Es macht die Sozialdemokratin manchmal fassungslos, wenn Menschen der Meinung sind, unsere Demokratie würde eher einer Diktatur ähneln. „Ich diskutiere viel, frage die Menschen nach ihren Erfahrungen, versuche sie vom Gegenteil zu überzeugen. Aber manchmal stoße ich an meine Grenzen“, sagt die junge Frau. Man mag es kaum glauben, strahlt sie doch viel Kraft und Empathie aus.

Familie. Und im Gespräch wird deutlich: Was sie auch anpackt, macht sie mit voller Kraft – und wenn eines Tages ein Baby dazukommt, wird sie einen Weg finden, alles unter einen Hut zu bringen. Doch erst einmal läuten im Herbst die Hochzeitsglocken.