Intro
von Cay Dobberke
Veröffentlicht am 21.06.2019
auf den ersten Blick wirkt es widersinnig: Am Donnerstag ließ das Bezirksamt einen Teil des neuen Zauns am nordöstlichen Ufer des Halensee abbauen, um Nudisten und anderen Nutzern der Liegewiese wieder den Weg ins Wasser frei zu machen – gleichzeitig aber gilt dort weiterhin ein Badeverbot. Darauf weist nun sogar ein zusätzliches Schild hin. Diese Lösung (ein Foto finden Sie weiter unten in unserer Rubrik „Kiezkamera“) kann man wohl als inoffiziellen Kompromiss werten. Denn in der Praxis haben Badelustige das seit vielen Jahren geltende Verbot immer schon oft ignoriert. Jetzt zeigen sich die Kritiker des Zauns weitgehend zufrieden, auch wenn sie sich eher Schilder mit der Aufschrift „Baden auf eigene Gefahr“ gewünscht hätten.
Die Lücke im Zaun ist genau genommen die zweite, denn etwa 20 Meter entfernt war bisher schon eine Stelle offen geblieben. Irritationen gab es am Montag, als Bauarbeiter den Zaun vorübergehend noch verstärkten und im Wasser „Röhrichtwalzen“ aufstellten. Im Umweltausschuss des Bezirks gab Bau- und Umweltstadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) jedoch Entwarnung. Die Maßnahmen seien lange geplant gewesen. Der am Donnerstag der vorigen Woche gefasste BVV-Beschluss, den freien Zugang zum See „innerhalb von 14 Tagen wiederherzustellen“, habe die ausführende Baufirma nur nicht mehr rechtzeitig erreicht.
Es gibt unterschiedliche Gründe für den Zaun, der die Ufervegetation schützen soll, und für das Badeverbot. Letzteres gilt wegen einer zu hohen Belastung des Wassers mit Kolibakterien. Der Halensee hat keinen natürlichen Zufluss, nur Regenwasser gelangt hinein. Eine Filteranlage der Berliner Wasserbetriebe löst das Problem nicht vollständig, weil es mehrere Einleitungen gibt, deren Filter wohl nicht alle funktionieren. Außerdem mutmaßen Bezirksverordnete, dass Abwasser aus Häusern oder dem Avus-Parkplatz in den See fließt. Derzeit „suchen die Wasserbetriebe nach Zuleitungen“, sagte Schruoffeneger. Verunreinigungen durch den Parkplatz hält das Umweltamt für unwahrscheinlich. Eine Ortsbegehung habe gezeigt, dass dortige Gullys „abgeklemmt“ seien, heißt es.
Für das Rätsel um die angeblich unterschiedliche Wassergüte im See wurde im Umweltausschuss erstmals eine Erklärung bekannt. Viele Besucher der Liegewiese finden es seltsam, dass man einzig in der Strandbar „Ku’damm-Beach“ (kostenpflichtig) baden darf. Jutta Sperling vom Umweltamt sagte, in diesem Bereich liege die tiefste Stelle des Sees. Daher verdünne sich dort die Belastung mit Fäkalkeimen.
Aber wo wird überhaupt gemessen? Nach Darstellung des Bezirksamts gab es nur in den Jahren 2013 bis 2015 regelmäßige Untersuchungen des Wassers an der Liegewiese. Seitdem überwache das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) nur die offizielle Badestelle am Ku’damm-Beach. Doch im Ausschuss legte ein Bürger einen Brief vor, in dem ihm das Charlottenburg-Wilmersdorfer Umweltamt im August 2018 mitgeteilt hatte, die Wasserqualität sei am Ku’damm-Beach „sehr gut“ und an der Wiese „gut“. Stadtrat Schruoffeneger reagierte überrascht und versprach, den Hintergrund dieses Schreibens aufzuklären.
Cay Dobberke, geboren in Berlin, wohnt seit mehr als 25 Jahren in Wilmersdorf. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an cay.dobberke@tagesspiegel.de