Nachbarschaft

Veröffentlicht am 05.03.2021 von Cay Dobberke

Cornelia Wimmer betreibt das Café Villa Oppenheim im Haus des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf an der Schloßstraße 55.

„Wem habe ich etwas getan?“, fragte sich die Wirtin nach den ersten nächtlichen Steinwürfen auf die Fenster ihres Cafés. Dann überlegte Cornelia Wimmer, ob antisemitische Motive hinter den Attacken stehen könnten – schließlich gehörte die alte Villa einst der deutsch-jüdischen Familie Oppenheim. Doch die Täter hinterließen keine judenfeindlichen oder rechtsextremen Schmierereien. Fünf Nächte lang flogen Steine in mehrere der Fensterscheiben. Zusätzlich kippten die Täter mehrmals den roten „Piaggio Ape“-Kleintransporter des Lokals um, der ein paar Beulen davontrug.

Inzwischen wurden junge Verdächtige gefasst. Nach den wiederholten Angriffen hatte Cornelia Wimmer eine Überwachungskamera innerhalb der Räume auf ein Fenster gerichtet. Per Livestream beobachtete sie am Freitagabend der vorigen Woche in ihrer nahen Wohnung, wie die Scheibe im Café zersplitterte, und erkannte im Hintergrund etwa acht Jugendliche auf der Straße. Sofort alarmierte sie die Polizei, die zwei 16-Jährige im benachbarten Schustehruspark festnahm und die Personalien weiterer Mitglieder der Gruppe notierte. Dem Vernehmen nach ist keiner der mutmaßlichen Täter älter als 20 Jahre.

„Die Dreistigkeit ist der Hammer“, findet Cornelia Wimmer. Schließlich sei es erst 21.50 Uhr gewesen. Die Pflastersteine stammten aus einem Loch am Gehweg, in dem sie locker lagen. Cornelia Wimmer nahm Kontakt zur Berliner SPD-Abgeordneten Ülker Radziwill auf, die ihren Wahlkreis in Charlottenburg hat und sich als „Netzwerkerin“ sieht. Beide Frauen vermuten, dass die Steinwürfe „purer Vandalismus“ waren und sich die Teenager im Corona-Lockdown gelangweilt haben könnten. „Es fehlen Strukturen durch die Schule und andere Möglichkeiten der Freizeitgestaltung“, sagt Cornelia Wimmer. „Vermutlich herrschen bei einigen beengte Wohnverhältnisse, so dass die jungen Männer sich draußen treffen und dann dort austoben.“ Per Akteneinsicht möchte sie die Namen der Verdächtigen erfahren, um sich zusammen mit Ülker Radziwill an die Eltern und Schulen der Jugendlichen wenden zu können.

Die SPD-Politikerin erwägt, auch das interkulturelle Nachbarschaftzentrum „Divan“ an der Nehringstraße und eine nahe Moschee in einen verstärkten Kiez-Dialog mit einzubeziehen. „Unser gemeinsames Anliegen ist, dass die Kids nicht wegrutschen“, sagt Ülker Radziwill. „Wir wollen kriminelle Karrieren, die beginnen könnten, unterbrechen.“ Und dazu „müssen wir an die Familien herankommen“.

Denn es geht nicht nur um die zerstörten Fenster, die ein Glasermeister in dieser Woche reparierte. Cafégäste berichteten der Wirtin, sie seien im Schustehruspark von jungen Leuten angepöbelt und verbal bedroht worden. Dort haben Unbekannte außerdem alte Laternen eingeworfen. Die Kiffer und Drogenhändler in der Grünanlage seien „fast noch das geringste Problem“, sagt Cornelia Wimmer mit leichter Ironie.

Vandalismusschäden gibt es auch oft an einem Haus und Fahrzeugen des Grünflächenamts, das schräg gegenüber der Villa Oppenheim einen Standort unterhält, sowie an Trafokästen und an Sitzbänken im rund einen Kilometer entfernten Lietzenseepark. Dortige Nachbarn beklagen zunehmende Ruhestörungen in den Nächten, mehr Müll und eine „gestiegene Kriminalitätsrate“ (wir berichteten).

Die Caféwirtin wünscht sich, dass „wir alle gemeinsam deutlich signalisieren, dass wir Gewalt und Vandalismus nicht einfach hinnehmen“. Damit meine sie „nicht die zunehmend in der Stadt grassierende Blockwartmentalität“. Vielmehr gehe es um Respekt und Toleranz und darum, „gegenseitig aufeinander zu achten“ – also ein „nachbarschaftliches Miteinander im besten Sinne“.

Im Corona-Lockdown hält Cornelia Wimmer den Betrieb mit einem Außer-Haus-Verkauf aufrecht. Gleichzeitig hofft sie, bald wenigstens wieder draußen im kleinen Garten servieren zu können und fragt: „Warum kann man unkontrolliert im Park sitzen, aber nicht bei mir?“ Immerhin habe ihr das Bezirksamt, dem die Villa Oppenheim gehört, die Miete für den Januar bis März erlassen. „So kommen wir irgendwie über die Runden.“

Foto: Cay Dobberke

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