Intro

von Nele Jensch

Veröffentlicht am 27.06.2019

über die Verkehrswende wird – natürlich gerade in der Fahrrad-Hochsaison – viel diskutiert. Der Bezirk will sie nicht nur bei der Begegnungszone Bergmannstraße vorantreiben (aktuell mit einer Befragung der Anwohnenden), sondern die Situation für Radfahrende insgesamt im Bezirk verbessern. Eine besonders verhasste Hürde für diese: So genannte Fahrradweichen, bei dem geradeaus fahrende Fahrräder zwischen zwei Autospuren hindurch gelenkt werden. Von einem Beispiel an der Alexander-/Ecke Holzmarktstraße habe ich Ihnen letzte Woche berichtet. Radaktivist*innen protestieren dagegen und lehnen diese Art von „Kreuzungsdesign“ generell ab. Die naheliegende Begründung: Die Weichen sind für Radfahrende extrem gefährlich, ganz besonders für Kinder, ältere Menschen und ungeübte Radler*innen.

Am Freitag vergangener Woche übergab das Netzwerk Fahrradfreundliches Friedrichshain-Kreuzberg (RadXhain) Bürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) eine Petition, in der sich 107 Expert*innen gegen Fahrradweichen im Bezirk aussprechen. Warum gerade 107? „Wir haben von Verkehrsminister Scheuer gelernt, dass man einfach 107 Experten-Unterschriften braucht, um Sachlichkeit in eine Debatte zu bringen“, erklärt Marie Egger von RadXhain, die die Sammlung der Statements koordinierte. „Herrn Scheuers Lungen-Experten waren nicht mal qualifiziert für das Thema. Wir hingegen haben richtige Expert*innen zusammengebracht: Eltern und andere für Kinder Verantwortliche sind diejenigen, die wissen, wo sie ihre Kinder fahren lassen können und wo nicht.“

In Xhain gibt es leider nicht wenige Fahrradweichen, zum Beispiel am Frankfurter Tor oder an der Blücherstraße. Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann kommentierte zu Falschparker*innen auf letzterer: „Das ist richtiger Mist.“ Mein persönliches Highlight in Sachen Nahtoderfahrung ist der Kreisverkehr am Kottbusser Tor, wo Radfahrende, die dessen Verlauf folgen, zwar Vorfahrt vor rechts abbiegenden Autos haben, was Letztere aber ziemlich konsequent ignorieren und nur bedingt durch Ampeln ausgebremst werden. RadXhain fordert von Bezirk und Senat, keine weiteren Fahrradweichen mehr zu bauen und die bereits existenten in sichere, „geschützte“ Kreuzungen umzugestalten.

Im Bezirk rennen die Aktivist*innen damit offene Türen ein: „Viele Fahrradweichen sind gefährlich. Wir müssen im Straßenverkehr umdenken, alles muss so geplant sein, dass die Sicherheit der Nichtautos vorgeht“, erklärte Herrmann auf Nachfrage. Nicht die Fließgeschwindigkeit des Autos dürfe mehr die Priorität haben. „Je weniger Autos in der Innenstadt, desto einfacher wird das gehen“, so Herrmann. Gegen autofreie Straßen hätte wohl auch Stadtrat Florian Schmidt (Grüne) nichts einzuwenden: In Anspielung auf die Sperrung von Landstraßen in Tirol für den Durchreiseverkehr twitterte Schmidt unter dem Hashtag #Verkehrswende: „Wie wäre es, in Berlin für eine Woche alle Straßen dicht zu machen für Pendler und Leihfahrräder kostenlos zur Verfügung zu stellen?“ Auf der Bergmannstraße wird schon nicht mehr philosophiert, sondern vielmehr geklotzt statt gekleckert: Dort experimentiert man gerade mit Autosperren der besonderen Art  – mehr dazu lesen (und sehen) Sie in der „Kiezkamera“.

Das Gros unserer Bezirkspolitiker*innen zeigt sich also überzeugt von der Verkehrswende; nicht nur die Grünen, sondern auch Teile der Opposition: Marlene und Michael Heihsel von der FDP kämpfen schon lange für eine bessere Radinfrastruktur und bezeichnen das Rad als „größte Chance für Berlin“. Die Polizei scheint es leider weniger zu sein – zumindest in der Tamara-Danz-Straße. Mehr dazu lesen Sie hier: leute.tagesspiegel.de.

Nele Jensch ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Offiziell wohnt sie zwar auf der Neuköllner Seite des Landwehrkanals, aber gefühlt ist die ja schon lange in Kreuzberg eingemeindet. Über Post freut sie sich auch unter leute-n.jensch@tagesspiegel.de

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