Kiezgespräch

Veröffentlicht am 19.09.2019 von Corinna von Bodisco

Wie sicher fühlen sich Leserinnen und Leser in Xhainer Parks? Die Debatte um die Sicherheit in Kreuzberger Parks kochte nach der Aussage von Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne), als Frau nachts nicht in Berliner Parks zu gehen, wieder hoch. „Warum sorgt sie dann nicht dafür, dass sich das ändert?“, fragt Kollegin Fatina Keilani. Den „nicht tragbaren“ Zustand im Görlitzer Park zu ändern, sei vorrangig Aufgabe der Polizei, sagt Herrmann. „Zumindest das Gebüsch herunter schneiden lassen, die Drogenverstecke ausheben und Sichtachsen für mehr gefühlte Sicherheit schaffen“ liege in der Verantwortung der Bürgermeisterin, meint aber Keilani.

„Und Sie? Gehen Sie nachts durch Parks, ganz unabhängig von Ihrem Geschlecht? Oder gibt es Orte, die Sie sogar tagsüber meiden?“, fragte Kollegin Nele Jensch im letzten Newsletter. Ergebnis: Es erreichten uns doppelt so viele E-Mails von Frauen als von Männern. Die Leserinnen schreiben alle, sie würden sich sowieso nie nachts in Parks aufhalten („NIEMALS würde ich (68) nachts alleine durch einen Park gehen. Auch schon vor 50 Jahren nicht.“).

Der Leser Herbert Overberg betont, sich auch als Mann nachts nicht in Parks zu trauen. Außerdem könne er es „nicht mehr hören, dass die armen Frauen sich nachts nicht mehr auf die Straße oder in Parks trauen“. Es würden statistisch immer noch mehr Männer auf Straßen oder Plätzen angegriffen, verletzt oder getötet.

Tatsächlich waren laut der polizeilicher Kriminalstatistik 2018 bei „Straftaten gegen das Leben“ 56,7 Prozent der Opfer männlich und 43,3 Prozent weiblich. In der Altersgruppe über 60 Jahren zeigte sich allerdings mit 26 Männern und 32 Frauen eine andere Geschlechterverteilung. Hinzu kommt, dass der Ort, an dem sexuelle und körperliche Gewalt gegen Frauen ausgeübt wird, häufig das eigene Zuhause ist.

Laut Familienministerium (Zahlen von 2017) sind über 82 Prozent der Opfer von Partnerschaftsgewalt Frauen, bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung in Partnerschaften fast 100 Prozent, bei Stalking und Bedrohung in der Partnerschaft sind es fast 90 Prozent. Doch auch Männer wurden 2017 Opfer von häuslicher Gewalt: insgesamt 17,9 Prozent der erfassten Personen. Männerschutzwohnungen gibt es im Gegensatz zu 353 Frauenhäusern bundesweit nur fünf, darunter eine in Berlin (mdr.de).

Die einzig positive Rückmeldung zu den Parks kam von einem seit 38 Jahren im Wrangelkiez ansässigen Nachbar – er sei „froh über den Görli“. Als gefährlich haben er und seine Frau den Park nie empfunden, geärgert aber über so einiges: Es stinke ihm, dauernd angequatscht zu werden und „früher konnte ich dort Sterne gucken, da hat man heute keine Ruhe mehr für.“

„Die meisten hier im Umfeld gehen nicht mal tagsüber hindurch“, sagt Anwohnerin Pamela Jäger dagegen – von der Nacht ganz zu schweigen. Heutzutage mache sie einen großen Bogen um den Görli, obwohl das früher auch ihr Erholungspark war. „Ich setzte mich dort häufig morgens zum Lesen auf eine Bank, habe viele Geburtstage mit Freunden dort gefeiert.“ Nur noch sehr selten durchquere sie den Park heute, das letzte Mal wurde sie ganze sieben Mal von Männern angequatscht und musste sich „hinterher schmatzen“ lassen. Ihr Fazit: „Nachts sowieso nicht, aber am Besten auch tagsüber nicht durch den Park gehen“.

„Das war schon immer so, die Gefahr auf gestörte Männer zu stoßen, ist viel zu hoch“, findet eine andere Leserin. Einzig und allein der Gleisdreieckpark sei noch relativ gefahrenfrei bei Dunkelheit zu durchfahren, was an der guten Beleuchtung und den beschnittenen Büschen liege. Doch auch dort würde sie nur bis etwa 22 Uhr herumfahren.

„Muss ganz Kreuzberg zu einem Görli werden?“, fragt Alex, der am Südstern wohnt. Vor etwa einem Jahr habe er „einen Junkie aus unserem Treppenhaus im Hinterhaus erst in den Hof und dann auf die Straße begleiten müssen“. Seitdem seien am Südstern immer häufiger Drogen konsumierende Menschen gesichtet worden.

Im Möckernkiez beim Gleisdreieck- und Viktoriapark ärgert sich eine Nachbarin über „Dreck, Scherben und Beschaffungskriminalität (ständiger Fahrradklau)“. Direkt bei ihrem Hauseingang befinde sich eine Parkhecke, auf der Bank davor würde kräftig konsumiert. „Mit tiefem Einatmen könnte ich mich fast auf dem Laubengang bekiffen, einen Dealer kann ich nach wenigen Metern treffen“, schreibt sie. Da ist wohl erst mal Luftanhalten angesagt.

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