Intro

von Robert Klages

Veröffentlicht am 11.02.2019

eine Leserin aus dem Weitlingkiez schreibt mir. Ja, genau: wo es zuletzt mehrere rassistische Angriffe gegeben hatte. Eva Roman wohnt auch dort. Und sie hat einen rassistischen Flyer entfernt (siehe Kiezkamera), der sich an der Post befand. „Ich dachte erst, toll, die Post spricht auch Geflüchtete an“. Aber es handelte sich um einen Aufkleber des rechtsradikalen Vereins „Ein Prozent“. Der Aufkleber war an der Eingangstür, neben Kreditkartenlogos platziert, als hätte er offiziellen Status. „Kehrt nach Hause zurück, eure Heimat braucht euch“, steht darauf, klein auf Deutsch und groß auf Arabisch.

„Erst fühlte ich Scham darüber, dass der Aufkleber als offizielle Botschaft an Menschen, die aus Diktatur und Krieg geflüchtet sind, wahrgenommen werden könnte“, schreibt mir Roman. „Dann aber, beim Abreißen, fühlte ich etwas noch viel Schlimmeres: Angst. Angst darüber, dass jemand mich beobachten und mir meine mini-antifaschistische Aktion irgendwie heimzahlen könnte. Ich hätte nie gedacht, dass ich im Berlin des Jahres 2019 tatsächlich eine solche Empfindung einmal haben müsste.“

Schämen sollte sich lediglich der rechtsradikale Verein und diejenigen, die den Spruch dorthin geklebt haben. Die Leserin hat alles richtig gemacht. Schämen sollte sich allerdings das Bundesministerium für Inneres, Bau und Heimat. Denn dieselbe Scham, die Eva Roman bei Ansicht des Aufklebers eines rechtsradikalen Vereins empfand, spürte sie auch bei der Ansicht eines offiziellen Plakats des Ministeriums, das sie am Hermannplatz sah.

„Dein Land. Deine Zukunft. Jetzt!“ steht in großen Lettern auf dem Plakat. Ebenfalls ins Arabische übersetzt. Und neben den Flaggen verschiedener Länder: „Freiwillige Rückkehr: Bis zu zwölf Monate zusätzlich Wohnkosten sichern.“ Mehr zu dem Plakat, das viel Beachtung und Kritik bekommen hat, hier lesen. „Ich empfand eine ähnliche Scham denen gegenüber, die aus tiefster Not zu uns geflüchtete sind“, schreibt unsere Leserin. Und sie hat vollkommen recht.

Ein Fremder hat immer
seine Heimat im Arm
wie eine Waise
für die er vielleicht nichts
als ein Grab sucht.

Die letzten Zeilen eines Gedichts der Nobelpreisträgerin Nelly Sachs, das der Exillyrik zugerechnet wird (hier vollständig lesen). Der Germanist Jörg Thunecke schrieb 1998 dazu, es sei eine erschütternde Bitte, sich der Vertriebenen, der Heimatlosen und Verbannten anzunehmen. Das Gedicht begreife die ganze Tragik aller Migration und sei eine Bitte über Zeit und Raum hinaus.

Robert Klages ist freier Mitarbeiter beim Tagesspiegel. Schreibt ihm bei Anregungen, Kritik, Wünschen, Tipps bitte eine E-Mail an leute-r.klages@tagesspiegel.de. Ansonsten ist er auch auf FacebookTwitter und Instagram zu finden.

Anzeige