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Was einzelne Radverkehrsmaßnahmen bringen - oder auch nicht

Veröffentlicht am 19.12.2018 von Madlen Haarbach

Aktuell werden an mehreren Stellen im Bezirk Kopfsteinpflasterstraßen asphaltiert, um den Radverkehr zu fördern. Doch welche Auswirkungen haben die Maßnahmen auf die Radsicherheit im Bezirk? Anwohner Moritz Metz hat nachgemessen. Seine Daten belegen: Nach der Asphaltierung der Friedelstraße fahren die Autos nun durchschnittlich mehr als zehn Prozent schneller als zuvor. Metz vermutet zudem, dass die Geschwindigkeit am Abend deutlich zunimmt. Dass tagsüber tendenziell langsamer gefahren würde, erklärt er mit dem in zweiter Reihe parkenden Lieferverkehr. In Einzelfällen würden Autos auch mit etwa 50 km/h an Radfahrer*innen vorbeirasen.

Metz wohnt seit 14 Jahren in der Friedelstraße. Mit der Zunahme der Gentrifizierung habe auch der Verkehr zugenommen, beobachtet er: „Früher konnte man noch einen Film bei offenem Fenster schauen, das ist heute eigentlich nicht mehr möglich.“ War früher das Rattern der Autos auf dem Kopfsteinpflaster Grund für die Lärmbelastung, sei es heute eher das Motordröhnen. „Ich habe schon den Eindruck, dass sich die Friedelstraße seit der Asphaltierung häufiger in eine Art Rennstrecke verwandelt“, sagt Metz. Gemessen hat er an insgesamt vier Tagen, jeweils zweimal vor und nach der Asphaltierung. Aufgrund seiner Messmethode per App konnte er jedoch lediglich tagsüber messen – dabei habe er den Eindruck, dass insbesondere nachts gerast werde.

Seit der Asphaltierung würden die meisten Radfahrer*innen die Straße nutzen – vorher seien viele wegen dem Kopfsteinpflaster auf den Bürgersteig ausgewichen, sagt Metz. Für die gemeinsame Nutzung von Rad- und Autofahrer*innen sei die Straße bei den gefahrenen Geschwindigkeiten jedoch viel zu eng. „Ich sehe hier immer wieder sehr gefährliche Situationen“, sagt Metz und fordert transparente Messungen von Seiten des Bezirksamtes – die sich auch in kurzfristigen Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung widerspiegeln sollen.

Bezirksbürgermeister Martin Hikel kündigte auf Twitter verkehrsberuhigende Maßnahmen insbesondere im Bereich der Hobrechtstraße an. Mittlerweile wurden erste Messungen in der Friedelstraße durchgeführt, teilt Christian Berg, Sprecher von Hikel, mit. Die Ergebnisse sollen demnach im Januar vorliegen. Erst dann könne ernsthaft über konkrete Maßnahmen gesprochen werden. „Auf jeden Fall wird im nächsten Jahr die Verkehrsberuhigung im Bereich Friedelstraße / Maybachufer auf der Agenda stehen“, versichert Berg. „Es wäre fatal, wenn das Bezirksamt die Baustelle nun erstmal halb fertig so lassen würde, wie die Straße gerade ist“, sagt Metz.

Auf einen offenen Brief des Netzwerkes Fahrradfreundliches Neukölln zur Fahrradstraße Weigandufer (NL vom 28.11.18) antwortete Hikel, dass das Ziel einer Verkehrsberuhigung „selbstverständlich bei allen bezirklichen Maßnahmen zur Verbesserung der Radinfrastruktur“ dazu gehöre, etwa in Form von modalen Filtern, Fahrbahnverengungen und Gehwegvorstreckungen. Modale Filter lassen gewünschte Verkehrsarten durch, während reiner Auto-Durchgangsverkehr gesperrt wird. In Bezug auf die Nutzung der Fahrradstraße durch den Durchgangsverkehr kündigte Hikel verstärkte Kontrollen der Verkehrsüberwachung an. Das Netzwerk begrüßte die Antwort, forderte jedoch weitergehende Maßnahmen zur quantitativen Verkehrsminderung – die nur durch modale Filter gewährleistet werden könne.

Auch in anderen Ecken Neuköllns stellt die Verkehrsberuhigung den Bezirk vor Probleme. Im Richardkiez kam es vergangene Woche zu einem Unfall, der wohl auf erhöhte Geschwindigkeit in der Tempo-30-Zone zurückzuführen war (twitter.com). Ein Caddy landete auf dem Dach, nachdem er in der Kreuzung Niemetzstraße/Braunschweiger Straße einem anderen Fahrzeug die Vorfahrt genommen haben soll (morgenpost.de).

Auch die weitere Auswertung der Daten des „Radmesser“-Projektes vom Tagesspiegel-Datenteam zeigt: Auf Nebenstraßen wird besonders eng überholt. In Fahrradstraßen wurden Radfahrer*innen gar in 78 Prozent der Fälle mit einem zu engen Abstand überholt. Die interaktive Karte zeigt: Am Weigandufer wird oft zu eng überholt. Wirklichen Schutz bietet die Umwidmung in eine Fahrradstraße also nicht – sofern nicht weitere Maßnahmen erfolgen. Weitere Brennpunkte in punkto Radfahrsicherheit sind zudem die Sonnenallee, die Silberstein- und Lahnstraße, die Hermannstraße, Teile der Karl-Marx-Straße, Erk- und Wildenbruchstraße sowie die Thomas- und die Flughafenstraße. interaktiv-tagesspiegel.de

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