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Radsicherheit im Reuterkiez - Bezirksamt will Senatsmittel für Verkehrsuntersuchung beantragen

Veröffentlicht am 30.01.2019 von Madlen Haarbach

Vor wenigen Monaten wurde die Friedelstraße im Reuterkiez betoniert – auf Wunsch von Anwohner*innen und Radfahrer*innen, wie das Bezirksamt regelmäßig betont. Seither fahren nicht nur Fahrradfahrer*innen (theoretisch) bequemer auf der Straße – auch für Autos bietet sich so eine attraktivere Umfahrung der Staus auf der Sonnenallee. Anwohner Moritz Metz hatte selbst nachgemessen, welche Auswirkungen die Betonierung auf die durchschnittliche Geschwindigkeit der Autos in der Straße hat (NL vom 19. Dezember).

Bei der Bezirksverordnetenversammlung wollte Metz vergangenen Mittwoch von Bezirksbürgermeister Martin Hikel wissen, welche Ergebnisse bezirkseigene Messungen in der Straße ergeben haben. Das Ergebnis: Die Autos fahren sogar noch schneller als erwartet. Zwischen dem 3. und 8. Dezember 2018 fuhren demnach 75 Prozent der Autos 38 Kilometer pro Stunde, also 8 km/h zu schnell. Kurzes Rechenbeispiel, was das für Radfahrer*innen und Fußgänger*innen bedeutet: Kommt ein Auto bei einer Geschwindigkeit von 30 km/h bei einer Bremsung nach etwa 18 Metern zum Stehen (inkl. Reaktionszeit), verlängert sich der Anhalteweg bei 38 km/h auf 26 Meter.

Laut Hikel wurden vor der Asphaltierung keine Messungen durchgeführt, daher könne nicht gesagt werden, ob die Autos auf Kopfsteinpflaster ähnlich schnell unterwegs waren. Was das Bezirksamt gegen die Geschwindigkeitsüberschreitungen unternehmen will? Vorerst: Nichts.. oder fast nichts. Es werde geprüft, ob Tempo-30-Piktogramme auf der Straße angebracht werden könnten, so Hikel. Weitere Maßnahmen plane das Bezirksamt in der Straße zunächst nicht. Vielmehr sollen Mittel beim Senat beantragt werden, um eine Verkehrsuntersuchung für den gesamten Reuterkiez durchzuführen. So sollen Verdrängungseffekte auf andere Straßen verhindert werden, wenn die Friedelstraße etwa durch modale Filter unbequemer zu befahren wäre. An der Kreuzung Friedelstraße/Maybachufer/Bürknerstraße sollen im Laufe des Jahres Gehwegvorstreckungen und ein Fußgängerüberweg den Verkehr etwas abbremsen.

„Selbst die wenigen Daten, die der Bezirk aus den offiziellen Geschwindigkeitsmessungen preisgegeben hat, sprechen eine noch deutlichere Sprache als meine privaten Messungen: Die asphaltierte Friedelstraße verlockt Autofahrer zum Rasen!“ kommentiert Anwohner Metz. Und weiter: „Dabei wurde die Asphaltierung aus Mitteln für den Fahrradverkehr finanziert. Es scheint, als hätte der Bezirk sehr wohl den Mut, schnelle Fördergelder anzunehmen – aber Angst, den Prozess zeitnah und zweckgemäß abzuschließen. Bislang geht diese Rohrkrepierer-Maßnahme nach hinten los. Auf der Friedelstraße zu radeln, das ist zwar jetzt bequem – aber gefährlicher als zuvor. Der Bezirk hat das selbst nachgewiesen – und sollte sofort und experimentell handeln, anstatt jahrelange Studien und mögliche Straßenbahn-Entwicklungen abzuwarten.“

Nun kann man sich natürlich fragen, warum die geplante Verkehrsuntersuchung für ein Konzept im gesamten Reuterkiez nicht VOR der Asphaltierung durchgeführt wurde. Mögliche Verdrängungseffekte (etwa von der zugestauten Sonnenallee über die nun attraktivere Friedelstraße und die Fahrradstraße Weigandufer) hätten ja auch bereits bei den Planungen zur Asphaltierung der Friedelstraße beachtet werden können. Ähnliche Probleme beobachtet man auch in anderen Teilen des Bezirkes, etwa in der ebenfalls für den Radverkehr asphaltierten Braunschweiger Straße.

Auch am Weigandufer erleben Radfahrer*innen alles andere als entspannte Radfreude, berichtet Radaktivist und Anwohner Jan Michael Ihl. Er fordert modale Filter, die ein Abbiegen von der Wildenbruchstraße in die Fahrradstraße Weigandufer unterbinden – denn viele Autofahrer*innen nutzen die Straße offenbar, um die Ampeln an der Wildenbruchstraße/Ecke Sonnenallee zu umfahren. Das Bezirksamt denke bei der Verkehrsplanung einfach nicht ein paar Schritte weiter, kritisiert Ihl und fordert Verkehrsberuhigungsmaßnahmen analog etwa zu jenen im Graefekiez in Kreuzberg.

In beiden Fahrradstraßen, sowohl am Weigandufer als auch in der Weserstraße, erlebe er regelmäßig bedrohliche Situationen, wenn er mit seiner Tochter auf dem Rad unterwegs sei. Da überholen Autos viel zu eng (ähnliches ergab übrigens auch unser Datenprojekt Radmesser), drängeln sich hupend an den Radfahrer*innen vorbei oder verursachen in zweiter-Reihe-parkend gefährliche Engstellen. Daher würden einige Radfahrer*innen in der Weserstraße sogar weiter den alten Fahrradweg auf dem Bürgersteig benutzen, weil ihnen die Fahrradstraße zu gefährlich sei. „Da könnte man schon ein bisschen mehr machen, als vielleicht ein Fahrrad auf die Straße zu pinseln“, sagt Ihl. „Da geht so viel Lebensqualität verloren und so viel Verkehrswende wird gebremst, einfach weil die Leute nicht sicher Fahrrad fahren können und selbst in den Fahrradstraßen regelmäßig gefährdet werden“, sagt er.

Und wie sieht es abseits der Radverkehrsmaßnahmen mit der Verkehrssicherheit im Bezirk aus? Bei der BVV fragte Samira Tanana (Grüne) nach einer mobilen Geschwindigkeitsanzeige für die Thomasstraße. Die Antwort von BzBm Hikel: „Das Bezirksamt verfügt derzeit über 10 Mobile Geschwindigkeitsanzeigen an den 5 Standorten Wutzkyallee, Groß-Ziethener-Chaussee, Reuterstraße Ecke Weserstraße, Silbersteinstraße und Karl-Marx-Straße, die jedoch größtenteils defekt sind. Eine Reparatur dieser technisch veralteten Geräte ist nicht möglich, da die Wartungsfirma den berlinweit geschlossen Wartungsvertrag einseitig gekündigt hat und es an entsprechenden Ersatzteilen fehlt. Die Anschaffung zusätzlicher Geräte ist im laufenden Haushalt des Bezirksamtes nicht etatisiert. Ohne einen der zuvor genannten Standorte aufzugeben, ist die Aufstellung einer mobilen Geschwindigkeitsüberwachung in der Thomasstraße daher derzeit nicht möglich.“

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