Kiezgespräch
Veröffentlicht am 26.05.2020 von Nina Dworschak
„Was kannst du für 500 Euro machen“ /„Ich wollte schon immer wissen, wie sich eine Ausländerin fickt!“ / „Komm mal her und gib mir ein Küsschen Kleine“: Das ist nur eine kleine Auswahl an Sprüchen, die Frauen auf Berlins Straßen zu hören bekommen. 2018 ermittelte das franzöische Ifop-Institut, dass 36 Prozent der Frauen in Deutschland bereits sexuelle Belästigung auf der Straße erlebt haben. Dagegen geht Mia Friedmann vor – mit Straßenmalkreide und dem Instagram-Account „Catcallsofberlin“. Sie kämpft gegen Catcalling, so werden sexuell aufgeladene, übergriffige Kommentare bezeichnet, die Männer gegenüber Frauen im öffentlichen Raum aussprechen.
Mia ist eine von vier Feministinnen, die auf dem Instagram-Account Fälle von sexueller Straßenbelästigung sammelt und am Ort des Geschehens mit Kreide auf die Erde schreibt. „Wir wollen gegen Sexismus und Straßenbelästigung kämpfen, indem wir so auf das Problem aufmerksam machen“, erklärt sie. Auch durch Workshops an Schulen versuchen sie Strategien vermitteln, wie am besten mit Catcalling umgegangen werden soll. „Jede von uns hat schon mal einen Catcall erlebt – ich hatte das Bedürfnis dagegen etwas zu tun. Auch weil man sich bei einem Catcall einfach ekelhaft fühlt.“ Durch das Öffentlichmachen der Erlebnisse wollen sie den Opfern das Gefühl der Hilflosigkeit nehmen und im besten Fall die Täter zum Nachdenken anregen. Mehr könne man nicht tun, illegal sei Catcalling nicht.
Catcallsofberlin ist einer von vielen Accounts weltweit. Die Initiative startete in New York und wuchs zu einem internationalen Netzwerk. In einer WhatsApp-Gruppe tauschen sich die Kreider*innen über ihre Strategien aus. „In Berlin ist es vergleichsweise einfach, da kreidet man einfach auf die Straße. Andere Accounts, wie beispielsweise der in Kenia, müssen jedoch darauf achten, dass sie anonym bleiben – sonst würden sie verfolgt werden“, erklärt Mia.
Die Berliner Kreiderinnen bekommen hauptsächlich positives Feedback, online erreichen sie aber auch Hasskommentare. Auf der Straße hat Mia bisher gemischte Reaktionen erlebt: „Die eine Hälfte ignoriert es, die andere bleibt stehen.“ Teilweise würden Passant*innen sogar wütend werden, weil Kinder die (teilweise sehr heftigen) Kommentare lesen könnten. „Das finde ich zu kurz gedacht. Die Kinder hätten es ja schließlich auch hören können, wenn sie bei der Belästigung dabei gewesen wären.“
Das Bedürfnis, sich gegen Straßenbelästigung zu wehren, ist für die 16-Jährige Mia nicht neu. „Schon als ich zwölf Jahre war, wurden viele meiner Freund*innen und ich auf der Straße belästigt. Das hat mich in meinem Leben extrem eingeschränkt und viele mir nahe stehende Personen sogar zum Weinen gebracht.“ Durch den Account habe sie ein Gefühl von Empowerment bekommen.
Zuschriften, die zu heftig sind, um sie auf die Straßen zu kreiden, gibt es für die Vier nicht. „Ja, wir haben schon sehr, sehr heftige Sachen erhalten. Aber gerade dann muss geteilt werden, was den Frauen im Alltag passiert ist.“
Auch andere Instagram-Accounts setzten sich gegen Belästigung und Gewalt an Frauen ein:
- Cutecatcalls – ebenfalls gegen Straßenbelästigung
- Antiflirting – gegen sexuelle Belästigung im Netz
- Cheeruplove – fotografiert Opfer von Straßenbelästigung an den Orten, an denen es passiert ist
Beratung in Problemsituationen bietet rund um die Uhr der Berliner Krisendienst unter 030-39 06 390. Weitere Anlaufstellen finden Sie hier.
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