Nachbarschaft

Veröffentlicht am 26.05.2020 von Nina Dworschak

Die Mitglieder des Technischen Hilfswerks (THW) Neukölln waren in den vergangenen Monaten besonders gefordert: Ob beim Bau der Drive-in-Teststelle im Bezirk, Abfüllen von Desinfektionsmittel für Schulen oder Verteilen von Schutzkleidung. Viele Aufgaben, die für Bezirk und Senat von den ehrenamtlichen Helfer*innen in ganz Berlin, übernommen wurden. Yannic Winkler ist einer von ihnen. Im Interview spricht er über Jugendarbeit und den mannschaftlichen Zusammenhalt in Pandemiezeiten.

Seit zehn Jahren sind Sie Freiwilliger beim THW. Wie kamen Sie dazu? Tatsächlich durch den Weihnachtsmarkt am Richardplatz, wo das THW immer vertreten ist – und einen Freund der Familie. Mit zehn Jahren habe ich in der Jugendgruppe vorbei geschaut und bin geblieben.

Für die Jugendgruppe sind Sie nun zu alt. Was sind jetzt Ihre Aufgaben? Die Aufgaben sind immer mehr gewachsen. Zunächst war ich Junghelfer, mittlerweile unterstütze ich unserer Jugendbetreuerin bei der Ausbildung von 15 Jugendlichen. Außerdem unterstütze ich die Öffentlichkeitsarbeit und bin stellvertretender Gruppenführer der Einsatzgruppe Notinstandsetzung, die durch Corona am meisten gefordert war.

Was macht diese Gruppe genau? Im April wollte das Bezirksamt Neukölln eine Corona-Teststation eröffnen, da hat mich unser Chef angerufen und gefragt, ob wir uns das anschauen könnten. Mittlerweile haben wir drei Zelte für das Gesundheitsamt Neukölln aufgebaut. Die Aufträge kamen in letzter Zeit immer sehr spontan. Wenn man Glück hat, weiß man im Voraus, welche Aktionen geplant sind. Bei Projekten wie der Teststation, war es anders: Da wurde ich angerufen und drei Tage später haben wir aufgebaut.

Wie funktioniert es, dass Sie so spontan zwei Tage lang Desinfektionsmittel abfüllen können? Zur Zeit studiere ich im zweiten Semester Brandschutz- und Sicherheitstechnik an der Beuth Hochschule. Dadurch bin ich ziemlich flexibel, das ist bei den anderen nicht immer so. Sie können aber von der Arbeit freigestellt werden.

Wie hat sich das Engagement in der Krise verändert? Man hat mehr Bestätigung für das Ehrenamt erhalten. Gerade bei der Teststation haben uns die Mitarbeiter*innen des Gesundheitsamtes sehr bestärkt. Das war ein gutes Gefühl, ein Gefühl, dass man aktiv etwas gegen die Pandemie macht. Gefordert sind wir definitiv stärker als vor der Krise.

Wie steht es derzeit mit der Jugendarbeit? Vor kurzem haben wir einen Orientierungsplan bekommen, der sich am R-Wert orientiert (Anm. d. Red.: Derzeitiger Stand 0,9). Bei einem Wert unter 0,3 dürfen wir wieder mit der Jugendarbeit beginnen – dieses Jahr wird das wohl nix mehr. Ich habe schon zu Beginn nach einer Alternative gesucht und über Google Classroom virtuelle Aufgaben erstellt. Doch ein richtiger Zusammenhalt ist virtuell schwer zu schaffen, es ist anders, wenn man sich wöchentlich sieht. Ich kann mir auch vorstellen, dass durch die lange Auszeit Leute aussteigen. Davor hab ich ein bisschen Angst.

Anders wie in anderen Vereinen, können die Erwachsenen bei Ihnen für Einsätze noch zusammen kommen. Ist das ein Vorteil? Ja, das kann sein. Schließlich ist man nicht ganz ausgeschlossen, sondern hat während der Einsätze noch Kontakt. Das Gemeinschaftsgefühl schwindet trotz der Abstandsgebote nicht. In der Mannschaft haben wir weiterhin ein gutes Gefühl.

Kümmert sich das THW auch um die Wartung der Teststation? An sich kümmert sich das Gesundheitsamt nun um die Aufrechterhaltung des Betriebs der Station. Ich habe mit ihnen die Vereinbarung getroffen, dass ich alle zwei Wochen vorbeischaue – wenn es geregnet hat beispielsweise. In der ersten Phase hat sich gezeigt, dass es nicht so super war, dass die Zelte auf dem Betonboden standen. Da haben wir spontan einen Palettenboden eingezogen. Darüber waren die Mitarbeiter ziemlich happy und hatten keine nassen Füße mehr. Wir stehen generell im Kontakt und sind gewillt, Wünsche schnell zu erfüllen.

Ganz schön guter Service. Wird das vergütet? Die Anschaffungskosten der Teststation hat das Bezirksamt übernommen. Vergütung gibt es nicht, wir machen alles ehrenamtlich.

Foto: Marc Dannenberg

 

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